Tagung zu Johann Gottlieb Fichte in Berlin

Ein Beitrag von Volkmar Schlutter

Der 200. Todestag von Johann Gottlieb Fichte war nur der Anlass. Der Grund für die 3-tägige Tagung war das immer noch große Interesse an Fichtes Philosophie, und das nicht nur wegen seiner provokanten Weltsicht. Veranstaltet wurde sie vom Lehrstuhl für Klassische Deutsche Philosophie der Humboldt Universität zu Berlin und der Internationalen Fichte-Gesellschaft.
Die Tagung „Mit Fichte philosophieren“ war lehrreich, überraschend interessant und sogar amüsant, so mit den einst unterhaltsamen Ausführungen einer nicht unumstrittenen Bettina von Arnim über Fichte. Ähnlich war es auch bemerkenswert, dass es sogar Studenten gibt, die ausschließlich die deutschen Idealisten studieren.
Die Kernaussage von Fichte, die Freiheit selbst zu denken sei das Hauptwesen des Menschen, wurde wiederholt als Aufforderung interpretiert, dass man sich freimachen soll, frei von vorgegebenen Denken, Vorurteilen und vorgegebenen Auffassungen. In „Ein neuer Sinn zu entwickeln. Fichtes letztes Vermächtnis“ wurde zu einem ständigem ’sich losreißen‘ als eine sich selbstaufzuerlegende Pflicht aufgefordert.
Das hat einen hochaktuellen Bezug. Denn wie gelangt man zur Freiheit, wo wir doch heute in einer neuen Art und Weise immer unfreier werden, weil wir in immer größerem Maße, oft unbewusst, von Medien, Macht, Ordnung und Konsum manipuliert werden. Schlimmer noch: Wir werden in einer Art manipuliert, dass es uns gar nicht bewusst wird, wie wir in das bestehende gesellschaftliche System einverleibt werden. Selbst die Professoren, die Fichte lehren, sehen das überwiegend pessimistisch, weil wir davon entfernt sind, Freiheit leben zu können.
Für Fichte ist Philosophie generell ‚Wissenschaftslehre‘. Diese ist die Wissenschaft vom Wissen und ist eine Theorie der Vermittlung. Und Fichte ist ein Denker der Perspektive. Weise spricht er: Der normale Mensch gleicht einem Blinden, der nicht versteht oder missversteht. Erst die Praxis des Denkens verwandelt den normalen Menschen, denn das Denken ist die Quelle allen Seins. Geistiges Auge – treffender ist es kaum zu sagen.
Auch waren viele Hinweise zur französischen Revolution und ihrer Wertung in Deutschland interessant. Noch heute rechnet man Fichtes mutiges Bekenntnis zur Französischen Revolution ihm hoch an. Denn andere hatten sich da raus gehalten oder waren dazu zu feige. Keineswegs übertrieben interpretiert: Fichtes Gott ist eine revolutionäre Praxis.
Auf der Tagung wurde kein Hehl gemacht, dass Fichte in einigen Dingen recht umstritten ist. Denn so schätzte er einerseits die Französische Revolution, hält dann aber wiederum patriotische Reden an die deutsche Nation und stellt sich sogar in den deutsch-französischen Kriegen klar auf die Seite der deutschen Nationalisten. Zum Verständnis und seiner Rettung muss bemerkt werden, dass zur damaligen Zeit Freiheitsliebe, Emanzipationsstreben und Nationalismus viel enger zusammen gehörten als heute.
In einer Festsitzung wurde Fichtes Wirken heute gebührend gewürdigt. Anschließend gab es im ehrwürdigen Hegelzimmer im alten Hauptgebäude der Universität unter den Linden ein Empfang. Nahe Hegels originalem Schreibtisch wurde mit edlem Wein aus der sogenannten Hegelflasche Fichte gewürdigt. Denn wo hätte es sonst geschehen können? Auch wenn Hegel bekannter und erfolgreicher wurde, hätte es ein Hegel ohne Fichte nie gegeben. Fichtes Philosophie macht es uns ja nicht einfach. Denn einiges ist bei ihm unschlüssig und unausgereift. Während für ihn klar das Sein Aktivität und Agilität bedeutet, macht er jedoch um sein ‚Absolutes‘ ein großes Geheimnis. So kann eine Fichte-Tagung nicht viel anders werden als seine Philosophie. Deswegen waren hier mutige Interpretationen von Nöten. So wurde ein Tenor der Tagung, dass es sich beim ‚Absoluten‘ nur um die Vernunft handeln könne.
Es ist generell positiv zu werten: Man hat wieder drüber gesprochen und weiß die eigenwillige, ja fast radikale Weltsicht Fichtes zu schätzen. Eben das gerade in der heutigen Welt, die immer hinterlistiger, verführerischer und undurchschaubarer wird. Und zumal zunehmend mit Unausgesprochenem operiert. Alles in allem: Gelungene und weise Stunden der Philosophie.

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