Neben verbrecherischen Kapitalisten und den ihnen gehorchenden  „marktkonformen“ Politikern, die private Verluste der Reichen von Armen bezahlen lassen, erinnert unser Hauptstadtkorrespondent Volkmar Schlutter an die fast vergessene Zunft der klassischen Einbrecher aus der Perspektive des Betroffenen:

Immer nur bei mir
Was ich denn heute Abend vorhätte, fragte mich ein Freund am Telefon. Ja, es war schließlich Freitag, der Tag des Ausgehens. Und es war bereits schon Spätnachmittag, also höchste Zeit sich auf den gewohnten, freitäglichen Vernissagerundgang vorzubereiten. Eine logische Sache, aber dummerweise war ich nicht vor Ort, sondern in diesem kleinen Nest, wo ich einst aufgewachsen bin, fern der Großstadt. Mein geliebtes Berlin mit seinen vielen Galerien und vor allem mit seinen Vernissagen, wo sich das illustre Kunstvolk meist bei Freigetränken versammelt. Alles gut und schön, sagte ich, aber heute muss ich leider passen, denn ich bin 200 km weg vom Ort des Geschehens. Wieder einmal bereute ich es, hier in diesen traurigen Ort der Langeweile und der großen Depression gefahren zu sein.
Aber dem Freund ging es nicht um die Vernissagen, das war nur eines seiner so typischen Scherze. Da rückte er mit der Sprache raus: „Nee, was anderes. Bei Dir ist eingebrochen worden, ohne Scheiß. Bei mir hat gerade die Polizei angerufen. Die sind jetzt gerade in Deiner Wohnung, hier ist die Handynummer von dem Polizisten.“

Selbst modernste Schlösser werden heute geknackt!

Selbst modernste Schlösser werden heute geknackt!

Ich schluckte. Man ist bei so was wie betäubt. Der Freund, ein Sparfuchs, fügte hinzu „Du musst ihn nicht auf dem Handy anrufen, kannst ihn jetzt billig über Deine Festnetznummer erreichen.“ So rief ich bei mir selbst zu Hause an. Ein komisches, ja befremdendes Gefühl, wenn man bei sich selbst anruft und es geht jemand ans Telefon. „Ja, kommen sie schnell her, denn wir können die Tür nicht wieder verschließen, müssen sonst den Schlüsseldienst kommen lassen. Ich bat den Freund, inzwischen auf meine Wohnung aufzupassen und fuhr mit dem nächsten Zug nach Berlin.

Meine Wohnungstür stand einen Spalt offen, die Flügeltür war aufgestoßen. Der Verlust hielt sich in Grenzen: 300 Euro und ein Handy waren weg. Die Tagebücher, mein Computer, nicht besonders wertvoll, aber all die Daten alles noch vor Ort. Glück im Unglück. Das Wohnungsschloss war unbeschädigt, nur der Schließriegel war heraus geschlossen. Ich schloss meine Wohnung ab und wir gingen ein Bier trinken.

Am nächsten Tag schrieb ich folgendes Blatt und heftete es an meine Wohnungstür: Sehr geehrte EinbrecherInnen, nachdem Sie in unsere Wohnung innerhalb von drei Jahren zum dritten Mal besucht und wiederum festgestellt haben, dass die Beute nicht ansatzweise dem gegenüberstehenden Risiko entsprach, nachstehend nochmals zum besseren Verständnis für Sie und Ihre etwaigen KollegInnen:

Es befinden sich keine hochwertigen Anlagen und Geräte in meiner Wohnung. Erst recht kein Geld! Insofern ersparen Sie sich selbst das Risiko von fünf Jahren hinter „schwedischen Gardinen“ und uns bitte künftig die völlig unnötigen Nervereien. Wir freuen uns über Ihre ausbleibenden Besuche und danken Ihnen für Ihre Rücksichtsnahme.

Tage später verbarrikadierte ich meine Wohnungstür von innen. Aber so konnte es mit der ewigen Angst wegen Einbruch nicht weitergehen. Ein Freund riet mir scherzeshalber morgens die Wohnung zu vernageln und abends die Nägel wieder raus zu ziehen. Oder mir Wachpersonal zu leisten, das würde ja in der heutigen Billiglohnzeit nicht allzu viel kosten. Trotzdem schien mir das alles nicht zu reichen und dann schrieb ich ein weiteres Blatt. Darin bat ich die Hausbewohner auf verdächtige Personen und Geräusche zu achten. Und beim ersten Anzeichen natürlich sofort die Polizei zu rufen. Ich brachte es nicht nur unten in den Hausflur, sondern auch jetzt in jedem Stockwerk an. Das müsste doch eigentlich abschrecken. Na, warten wir es ab.

Ein Monat später, ich sitze abends am Schreibtisch, da höre ich doch, wie jemand versucht meine Tür aufzuschließen. Ich traue meinen Ohren nicht, unglaublich. Ich gehe zu Tür, diesen Spitzbuben will ich persönlich den Hals rum drehen. Vor der Tür steht eine kleine Frau: „Oh sorry, I missed the floor, I live down stairs, I just moved in.“ Und das soll ich ihr glauben? Nicht zu fassen, selbst wenn man zu Hause ist, hat man keine Ruhe.
Text: Volkmar Schlutter

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