Ein Artikel von Volkmar Schlutter

Die nüchterne Realität hinter der schönen Fiktion: Eine Betrachtung zu Lutz Seilers Roman Kruso

Der erste Roman des Schriftstellers und Lyrikers Lutz Seiler, mit Preisen und Lob überhäuft,  im Herbst 2014 in Frankfurt sogar mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, spielt auf Hiddensee. Das ist eine romantische Insel an der Ostseeküste der ehemaligen DDR. Bereits ab Anfang des 20. Jahrhunderts galt sie als eine Künstlerkolonie. Künstler aller Art hatten entweder ein Domizil hier oder verbrachten hier die Sommermonate. Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Hans Fallada, der Regisseur Walter Felsenstein, Asta Nielsen, der Maler Oskar Kruse, um nur einige zu nennen. In der DDR war die abgelegene Insel einst ein Ort, der vorbehaltlich Bonzen und verdienten Intellektuellen vorbestimmt war, aber ab Mitte der 1970er wurde die Insel immer mehr zum Nischen-Ort von DDR-Aussteigern und Andersdenkenden, auch derer, die hier eine mögliche Flucht über die Ostsee auskundschafteten.
Zeit des Geschehens ist der Sommer 1989, Monate, Wochen vor dem Fall der Mauer, als bereits durch die Öffnung des Eisernen Vorhangs von Ungarn zu Österreich, den erfolgreichen Fluchten von DDR-Bürgern über die Botschaften in Prag und Warschau und einer sich erstarkenden Bürgerrechtsbewegung die DDR immer mehr angeschlagen wurde. Der schüchterne Germanistik-Student Ed (nämlich der Autor selbst) trifft bei seiner Arbeit als Aushilfskraft im Sommer auf den mysteriösen Kruso, zwischen denen sich allmählich eine zarte wie auch tiefe Freundschaft entwickelte. Kruso hat alle Ausreisewilligen und DDR-Verdrossenen, die in Hiddensee gestrandet waren, vor der Flucht oder dem Weggang aus der DDR bewahren wollen. Er propagierte eine Art „Freie Republik Hiddensee“. Dieser Kruso existiert aber nicht nur im Roman. Dieser Kruso war in einer jungen Szene von Andersdenkenden und DDR-müden in Ostberlin und in Hiddensee bekannt: Es handelte sich um den realen Aljoscha Rompe (1947-2000), der bei seinen Hiddensee-Aufenthalten in den 1980er Jahren legendäre Strandkonzerte mit seiner Punk-Band Feeling B veranstaltete, so auch sich als Ohrringverkäufer und mit Arbeit als Abwäscher in Hiddensee verdingte.

Ich selbst hatte die DDR einst 1984 mit einem Ausreiseantrag verlassen, kam nach der Wende 1989 wieder besuchsweise nach Ostberlin und Hiddensee, traf Aljoscha Rompe mehrmals, so wie ich ihn einst auch vor 1984 kannte, wieder. Ja, wir verbrachten sogar einige Zeit zusammen. Aber von einem schüchternen Germanistikstudent aus Halle war nie die Rede. Das ist nicht wichtig, denn so wunderbar wie die Freundschaft im Buch beschrieben ist, war sie etwas ganz besonderes und schließlich ist der Roman Fiktion. Trotzdem ist es merkwürdig.
Gut, es ist ein Roman, Fiktion. Die aber einen sehr, realen Bezug hat. Die Figuren, der Ort, die Umstände stimmen überein oder gleichen sich stark, mit dem, was sich tatsächlich ereignet hat. Dabei aber wird eine ganz gewichtige Tatsache völlig ignoriert: Aljoscha Rompe hatte seit 1980 (zusätzlich zu seinem DDR-Ausweis) einen Schweizer Pass (sein leiblicher Vater war Schweizer, sein Stiefvater Bonze) und konnte damit frei reisen. Seit den 1980er Jahren bereiste er privilegiert mit Schweizer Reisepass und Westgeld die den DDR-lern verschlossene westliche Welt. Er hatte damit eine einzigartige Sonderstellung: Er konnte in beiden Welten frei reisen und auch wichtig: Er musste sich für keine dieser Welten entscheiden. So wie es eigentlich hätte sein sollen. Denn als ehemaliger DDR-Flüchtling konnte man wegen der Strafandrohung der Republikflucht (mindestens 1,5 Jahre Gefängnis) oder als ehemalig legal Ausgereister, mit lebenslangem Wiedereinreiseverbot belegt, nicht wieder zurückkehren.Wohl aber war Aljoscha Rompe nicht so angetan von der freien Welt, denn er propagierte den Verbleib in der DDR. Dies aber mit der doppelbödigen Moral einer hinteren Scheunentür, jederzeit wieder hinaus reisen zu können. Wobei wahrscheinlich einige seiner zum DDR-Verbleib bekehrten Jünger, um die Reisefreit ihres Gurus nicht einmal wussten.Damals eine große Heuchelei und nun auch wieder völlig ignoriert. Der Roman ist sprachlich betörend, lotet unter anderem große Dinge des Lebens aus: Wie viel Freiheit braucht Freundschaft? Wann beginnt Vereinnahmung? Und wie viel Freiheit braucht der Mensch? Nämlich genau die des Aljoschas, eben mit einem Reisepass so viel, wann und wo man will zu Reisen. Aber angesichts der Doppelmoral des Aljoscha-Kruso, ist diese Entstellung nicht hinnehmbar. Dem ehemaligen DDR-ler würgt diese Realität. Denn moralische Werte liegen über Fiktion! Was soll Literatur geben, wenn Dinge so verkehrt werden, wenn Doppelmoral unter den Teppich gekehrt wird? Erst neulich, bei der letzten Oscar-Preisverleihung, erging ein aufrüttelnder Apell an Filmemacher und Schauspieler, verstärkt Filme zu machen, die moralische Werte vermitteln. Für die Literatur gilt dies allemal.
Volkmar Schlutter

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