Archiv für die Kategorie 'chemisch entzündete Geschichten'

Niobes chemische Wiedergeburt

Zum 150. Todestag des Berliner Chemikers Heinrich Rose (6.8.1795 - 27.1.1864)

Von Ansgar Bach
Heinrich Rose stammte aus einer alten märkischen Apothekerfamilie, die lange in Neuruppin ihren Sitz hatte und im 18. Jahrhundert nach Berlin übersiedelte. Traditionsgemäß lernt auch Heinrich den Apothekerberuf, aber seine Leidenschaft gilt der sich rasch entwickelnden Chemie, und so studiert er bei dem berühmten schwedischen Chemiker Jakob Berzelius. In der Analyse chemischer Substanzen findet Rose seine Berufung. Zurück in Berlin entwickelt der spätere Professor für Chemie neuartige Trennverfahren und verfasst das Standardwerk „Handbuch der analytischen Chemie”, das bis 1871 sechs Auflagen erfährt.

Heinrich Rose (Stich v. W.C. Sharp, Quelle Wikipeadia)

Heinrich Rose (Stich: W.C. Sharp, v. Wikipedia)

Im 19. Jahrhundert war die Entdeckung neuer chemischer Elemente ein aufregendes Arbeitsgebiet. Die Suche ist schwierig, wenn unterschiedliche Elemente sich chemisch ähnlich verhalten und in Erzen oft gemeinsam auftreten. So stellte sich auch die Frage, ob das von dem schwedischen Chemiker Gustaf Ekeberg aus skandinavischen Erzen gewonnene Oxid des Tantals wegen chemischer Ähnlichkeit dem Oxid des Columbiums gleiche, das von dem englischen Mineralogen Charles Hatchett 1801 aus dem amerikanischen Erz Columbit gewonnen wurde. Es wurde zunächst angenommen, dass das Element Tantal nichts anderes sei als das bekannte Columbium. Die Sache wird 1844 von Heinrich Rose aufgeklärt, denn auch Rose untersucht diese Erze. Dabei kann er neben dem Tantal das vermeintlich neue „Element 41″ abtrennen. Rose nennt es „Niobium”, wegen der chemischen Ähnlichkeit zum Tantal. In der antiken griechischen Mythologie ist Niobe die Tochter des Tantalus. Niobes Geschichte ist tragisch: Ein übermäßiger Stolz auf ihre reiche Nachkommenschaft - sie gebar 7 Töchter und 7 Söhne - verletzt eine Konkurrentin so sehr, dass Niobe mit der Tötung ihrer Kinder bestraft wird. Niobe selbst erstarrt zu einem weinenden Stein. Die von Rose veranlasste „chemische Wiedergeburt” der Niobe im heute kurz Niob genannten Metall ist keine Neuentdeckung eines Elements, denn Niob ist nichts anderes als das von Hatchett bereits entdeckte Columbium. Neu ist aber die von Rose gefundene Möglichkeit der Trennung des Niobs vom Tantal. Beide Metalle treten in ihren Erzen gemeinsam auf. Anstatt Columbium hat sich inzwischen der Name Niob durchgesetzt. Es ist ein wichtiges Metall und wird bei der Herstellung moderner Legierungen für Spezialstähle benötigt.

A. Bloemaert (1564-1631): Titel: Niobe beweint ihre Kinder (Quelle: Wikipedia)

Abraham Bloemaert (1564-1631): Titel: Niobe beweint ihre Kinder (Quelle: Wikipedia)

Die Apothekerfamilie Rose ist übrigens über die Naturwissenschaften hinaus kulturgeschichtlich mit der Mark verbunden: So ist etwa die Mutter des aus Neuruppin stammenden Baumeisters Karl Friedrich Schinkel eine geborene Rose. Als Schinkels Vater im Zusammenhang mit Neuruppins Stadtbrand von 1787 starb, wurde Heinrich Roses Vater, Valentin Rose, Schinkels Vormund. Heinrichs Bruder wiederum, Wilhelm Rose, führte in Berlin eine Apotheke, die in die Literaturgeschichte eingegangen ist: So beginnt Theodor Fontane sein autobiografisches Werk Von Zwanzig bis Dreissig unter der Überschrift „In der Wilhelm Roseschen Apotheke” mit: „Ostern 1836 war ich in die Rosesche Apotheke - Spandauer Straße, nahe der Garnisonkirche - eingetreten. Die Lehrzeit war wie herkömmlich auf vier Jahre festgesetzt (…)”. Fontane blieb nicht lange Apotheker, seine Leidenschaft galt dem Schreiben.

Eine chemisch-literarische Erinnerung an Primo Levi (31.7.1919 - 11.4.1986)

von Ansgar Bach

Ein anderer großer Schriftsteller, nämlich der Mediziner Anton Tschechow, schrieb einmal: „Für Chemiker gibt es auf der Erde nichts Unreines. Der Schriftsteller muss genauso objektiv sein wie der Chemiker; er muss sich freimachen von der Subjektivität seines Alltages und wissen, dass die Misthaufen in der Landschaft eine sehr beachtliche Rolle spielen, und dass böse Leidenschaften dem Leben ebenso eigen sind wie gute”. * - Tschechows Worte treffen genau in die Gedankenwelt des Schriftstellers Primo Levi.

Primo Levi war Chemiker, Schriftsteller und Überlebender von Auschwitz. Sein Buch Das periodische System ist eine außergewöhnliche Autobiografie. Sie scheint unter dem Motto „Chemie küsst Literatur” geschrieben worden zu sein, wobei das Periodensystem der Elemente in einzigartiger Weise der Ordnung der Erzählung eines an Brüchen reichen Lebens dient:

Im 3. Kapitel, Zink, nähert sich der ungemein schüchterne Chemiestudent Primo im Labor einer Kommilitonin: „Ich trat zu ihr und bemerkte mit einem Anflug von Freude, dass sie die gleiche Suppe kochte wie ich [...]“. Gekocht, d.h. hergestellt, wurde Zinksulfat und „zwischen Rita und mir gab es in dem Augenblick eine Brücke, ein Brücklein aus Zink, schmal aber begehbar; los, tu den ersten Schritt”. Während er um sie „herumschwirrte” entdeckt er in ihrer Kitteltasche sein „Leib-und-Magen-Buch”: Der Zauberberg von Thomas Mann. Zwischen den beiden Studenten wird es allerdings nicht so aufregend zugehen, wie zwischen den Romanprotagonisten Hans Castorp und Madame Chauchat, vielleicht auch daher, weil Rita „diesen Roman ganz anders las”.

Als von Levi bewusst eingesetztes Bild verweist das Zink auf eine weitergehende Betrachtung: Zinksulfat entsteht durch Reaktion von Zink mit Schwefelsäure, doch wenn Zink „sehr rein ist: dann widersetzt es sich hartnäckig jeder Verbindung”. Und Levi fährt fort: „Man konnte daraus zwei einander widersprechende philosophische Schlussfolgerungen ziehen: das Reine preisen, das wie ein Schild vor dem Bösen schützt; oder das Unreine preisen, das den Weg freigibt zu Veränderungen und damit zum Leben. Ich verwarf die erste, widerwärtig moralische und verweilte bei der Betrachtung der zweiten, die mir näher lag”.  Chemisch behilft man sich mit Kupfersulfatlösung als notwendige Verunreinigung: „tu einen Tropfen davon an deine Schwefelsäure und sieh, wie die Reaktion beginnt: das Zink wird rege, bedeckt sich mit einem weißen Mantel aus Wasserstoffbläschen, da haben wir’s, der Zauber ist vollbracht [...]“.

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