Archiv für die Kategorie 'Reporter'

23. Juni 2016 - Hoch lebe Großbritannien!

Haben die Briten auf Georg Christoph Lichtenberg gehört? Lichtenberg schrieb einst so schlau:

Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.

Union Jack

Union Jack

best regards,
altergecko

Mehrere Bürgerrechtsinitiativen unterstützen die Verfassungsbeschwerde gegen die Ratifizierung des CETA-Abkommens der EU über den Freihandel mit Kanada. Diese Beschwerde sollte unbedingt unterstützt werden, da CETA bürgerfeindlich und rechtstaatsfeindlich ist und außerdem diktatorische Schiedsgerichte zulässt.

Ein Beitrag von Volkmar Schlutter

Es ist wieder soweit: Einmal im Jahr findet in unserem Land das große Nachwuchtreffen der Gesangstalente statt. Allerdings der seriösen Gesangstalente - muss man dazu sagen. Kein Voice of Germany oder Deutschland sucht den Superstar, also TV-Casting-Shows, die größtenteils darauf beruhen das Publikum zu unterhalten, wobei mehr oder weniger häufig die Kandidaten bloßgestellt und der allgemeinen Lächerlichkeit preisgegeben werden. Nein, hier handelt es sich hier um den mittlerweile 44sten Bundeswettbewerb Gesang, der alljährlich in Berlin stattfindet. Dies immer im Wechsel der Genre Oper und Operette und wie in dieses Jahr Chanson und Musical.

Wie kommt man als junger Mensch zur klassischen Musik? Meist geschieht dies durch eine andere Person, naheliegend jemand aus Familie, Schule, Ausbildung oder Studium. Auch der Besuch des Bundeswettbewerbes Gesang kann so ein Schlüsselereignis sein. Aus den vielen ausgewählten Bewerbern geben am Ende ein dutzend Finalisten ein Preisträgerkonzert. Der letzte Bundeswettbewerb Oper und Operette im Dezember 2014 war ein Genuss für die Sinne. Auch wenn der Abschlussabend tiefsinnig mit einer Auftragskomposition nach schwermütigen Gedichten von Georg Heym begonnen hatte, folgte dem ein unbeschwerter Abend. Der Moderator war der Ausnahmeviolinist Daniel Hope mit seiner Liebeserklärung an die Nachwuchssänger: „Die Stimme ist die Geige im Körper”.

Junge Gesangstalente bei der Preisverleihung (Bild: Volkmar Schlutter)

Junge Gesangstalente bei der Preisverleihung (Bild: Volkmar Schlutter)

Es war großartig all das zu erleben, ein Abend voller Anmut. Große Talente haben ihr Bestes gegeben. Und einer der Gewinner, für den Preis des Regierenden Bürgermeisters von Berlin in Höhe von 10.000 €, war Sebastian Wartig, 25 Jahre alt, aus Dresden. Jung und so begabt. Sein Auftritt hatte etwas Magisches: Als schwebe er zwischen Orchester und Publikum. Bravo! Und was ist inzwischen aus ihm geworden? Mit Beginn der Spielzeit 2015/16 ist er festes Ensemblemitglied der Semperoper Dresden und gibt unter anderem seine Rollendebüts als Conte d’Almaviva in der „Hochzeit des Figaros” und als Dr. Falke in „Die Fledermaus”.

Der Staatssekretär für Kultur, der in Vertretung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin kam, sagte: „Der Preis ist so wichtig für die Opernlandschaft Deutschland. Unterstützen sie deshalb diese jungen Talente.” Recht hat er. Ein denkwürdiger Abend, dieser Bundeswettbewerb Gesang, er sollte nicht länger ein Geheimtipp bleiben. Wir dürfen und sollten also auf das Preisträgerkonzert am 7. Dezember 2015 im Friedrichstadtpalast Berlin gespannt sein.

Großes Sommer-Derby auf der Trabrennbahn Berlin-Mariendorf

Eigentlich war hier ein Bericht vom Polo-Turnier auf Sylt geplant. Es kam ein Sturm, in Berlin aber war das Wetter bestens für eine andere Art des Pferdesports: Trabrennen. Das einwöchige Sommerderby ist das wichtigste Ereignis im deutschen Trabrennsport. Der Mensch war schon immer von Geschwindigkeit und Schnelligkeit fasziniert. Auch gehört das Spiel zum Menschen. Hier kann man sich an den vorbeipreschenden Wagen mit diesen edlen Tieren ergötzen und man kann sein Glück beim Wetten herausfordern. Das ist die gute Kombination mit einer langzurückreichenden Tradition: War doch im antiken Olympia das Wagenrennen die Königsdisziplin.
Wir feiern ein Jubiläum: Es ist das 120. Deutsche Traber-Derby und die 25. Derby-Auktion in Mariendorf. Und dieses Jahr könnte man mit einer Wiederbelebung des alten Westberlins mit seinem ach so spezifischen Glamour meinen. Schöner hätte der Auftakt nicht sein können: Rassige Pferde, tolle Jockeys, ein begeistertes Publikum, hinzu ein ewiges hin- und her von Wolken und Sonne mit einem kräftigen Sommerwind - mit den unweigerlichen Assoziationen an Frank Sinatra, Großstadt und Tempo - wie halt auf einer Rennbahn. Ein warmer wie auch kräftiger Sommerwind, der all die schicken Hüte bewegte. Denn zum Rennbahnvergnügen gehört der Hut und schicke Kleidung. Besonders die Frauen mit ihren ausgefallenen Hüten tragen dazu bei, diese besondere Atmosphäre zu schaffen. Ja, man trägt Hut. Gleich zum Auftakt des Derbys gab es einen Hut-Wettbewerb.

Bild: Volkmar Schlutter

Bild: Volkmar Schlutter

Auch B- und C-Promis waren zu sehen. Aber ein wenig Politprominenz würde dem Trabrennsport gerade hier auf der Kaiserlich-Endell’schen Tribüne, wo der Jugendstil noch fühlbar ist, im etwas abseitigem Mariendorf gut tun. Von der Tribüne ist die Perspektive auf das Rennen und das Gelände einzigartig und die Atmosphäre erinnert an das Vergnügen der „reichen und vornehmen Leute“ vergangener Zeiten.
Die Wettfreude des Publikums war in den Pausen zu beobachten, wo eifrig Wettscheine ausgefüllt wurden. Das Programmheft mit seinen Tipps und Hintergrundinformationen ist dabei eine wertvolle Hilfe für Neulinge wie auch für versierte Zocker – wenn es auch ständig zu Überraschungen kommt. Denn Profis konnte man nach einer verlorenen Wette enttäuscht aufspringen sehen.

Die Pausen zwischen den Rennen wurden nicht langweilig. Man füllte sie entweder mit dem Gang zum leckeren Büffet oder mit der Beobachtung der Aufwärmrunden der Gespanne und einer Parade des Sprengwagens. Ohne Unterlass fuhr ein Sprengwagen übers Rondell, um die Bahn aufs beste zu präparieren. Der Sprengwagen – ein Inbegriff des Sommers und in Mariendorf mit der Aufschrift „Hier Pferd die BSR“ (Berliner Stadtreinigung) – der typisch lakonische Berliner Humor.Ein herrlicher Tag auf der Rennbahn: Ideal für tolle Pferde und ihre hinreißenden Zuschauer, die manchmal am liebsten mit diesen edlen, kräftigen und schönen Tieren durchgehen würden. Begeisterte Zuschauer, entspannte Atmosphäre mit der immer wieder aufregenden Spannung der Jagd auf den Bahnen. Das letzte Rennen dann im Licht der warmen Abendsonne, noch ein frisches Bier: Ein schöner Tag geselligen und sportlichen Lebens in Berlin geht zu Ende. So mögen es die Berliner und seine illustren Gäste.

Text von Volkmar Schlutter

24. Juli bis 2. August 2015. Informationen unter www.berlintrab.de

Casanova und Leipzig

Gut Ding’ will Weile haben: Im Verlag kopfundwelt ist im März 2015 das Buch Casanova und Leipzig erschienen.

Neuerscheinung: Casanova und Leipzig

Neuerscheinung: Casanova und Leipzig

Die Memoiren des berühmten Lebenskünstlers, Liebhabers und Schriftstellers Giacomo Casanova (1725-1798) erzählen von den Abenteuern auf den vielen Reisen des Venezianers in Europa. Dabei hat er nicht selten in Deutschland Station gemacht. Der neu gegründete Verlag kopfundwelt aus Berlin beschäftigt sich mit den Stationen Casanovas in Deutschland. Casanova und Leipzig ist der erste Titel des jungen Verlages, der im März 2015 erscheint. In Casanovas Memoiren heißt es: „In Leipzig hatte ich ein Abenteuer, dessen ich mich stets mit Vergnügen erinnere.” Das neue Buch Casanova und Leipzig behandelt aber nicht nur das vergnügliche Leipzig-Erlebnis des Abenteurers, sondern auch den in den Memoiren nicht erwähnten Aufenthalt Casanovas im Jahr 1788. In diesem Jahr besucht Casanova als Autor des fantastischen Romans Icosameron - es ist ein Roman in 5 Bänden! - die Leipziger Herbstmesse und hofft auf den ganz großen Durchbruch als Schriftsteller. Diese Geschichte wird anhand von wenig bekannten Dokumenten und Briefauszügen erzählt. Dazu wird über die Herausgabe der Memoiren durch den Leipziger Verleger Brockhaus berichtet, eine nicht minder spannende Geschichte, die erst 2010 ihr eigentliches Ende findet. Der ehemalige französische Kulturminister Frédérick Mitterand meinte: „Die Geschichte der Manuskripte ist fast so abenteuerlich wie das Leben des Autors selbst.”
Casanova und Leipzig, Verlag kopfundwelt, ISBN 978-3-9816632-0-4, Preis: 11,00 €
Das Buch ist lieferbar und direkt beim Verlag oder im Buchhandel erhältlich.

Präsentation auf der Leipziger Buchmesse am Stand von Literarisch Reisen: Halle 5 / E405 und im Rahmen von Leipzig liest:

Buchpremiere: 12.3. um 18:00 Uhr im Schillerhaus Leipzig (Menckestr. 42)
Weitere Lesungen: 13.3. um 18:30 Uhr in der Lovania Akademie und 15.3. um 13:00 Uhr auf der Messe im Literaturforum Halle 5 / F600

Ein Artikel von Volkmar Schlutter

Die nüchterne Realität hinter der schönen Fiktion: Eine Betrachtung zu Lutz Seilers Roman Kruso

Der erste Roman des Schriftstellers und Lyrikers Lutz Seiler, mit Preisen und Lob überhäuft,  im Herbst 2014 in Frankfurt sogar mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, spielt auf Hiddensee. Das ist eine romantische Insel an der Ostseeküste der ehemaligen DDR. Bereits ab Anfang des 20. Jahrhunderts galt sie als eine Künstlerkolonie. Künstler aller Art hatten entweder ein Domizil hier oder verbrachten hier die Sommermonate. Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Hans Fallada, der Regisseur Walter Felsenstein, Asta Nielsen, der Maler Oskar Kruse, um nur einige zu nennen. In der DDR war die abgelegene Insel einst ein Ort, der vorbehaltlich Bonzen und verdienten Intellektuellen vorbestimmt war, aber ab Mitte der 1970er wurde die Insel immer mehr zum Nischen-Ort von DDR-Aussteigern und Andersdenkenden, auch derer, die hier eine mögliche Flucht über die Ostsee auskundschafteten.
Zeit des Geschehens ist der Sommer 1989, Monate, Wochen vor dem Fall der Mauer, als bereits durch die Öffnung des Eisernen Vorhangs von Ungarn zu Österreich, den erfolgreichen Fluchten von DDR-Bürgern über die Botschaften in Prag und Warschau und einer sich erstarkenden Bürgerrechtsbewegung die DDR immer mehr angeschlagen wurde. Der schüchterne Germanistik-Student Ed (nämlich der Autor selbst) trifft bei seiner Arbeit als Aushilfskraft im Sommer auf den mysteriösen Kruso, zwischen denen sich allmählich eine zarte wie auch tiefe Freundschaft entwickelte. Kruso hat alle Ausreisewilligen und DDR-Verdrossenen, die in Hiddensee gestrandet waren, vor der Flucht oder dem Weggang aus der DDR bewahren wollen. Er propagierte eine Art “Freie Republik Hiddensee”. Dieser Kruso existiert aber nicht nur im Roman. Dieser Kruso war in einer jungen Szene von Andersdenkenden und DDR-müden in Ostberlin und in Hiddensee bekannt: Es handelte sich um den realen Aljoscha Rompe (1947-2000), der bei seinen Hiddensee-Aufenthalten in den 1980er Jahren legendäre Strandkonzerte mit seiner Punk-Band Feeling B veranstaltete, so auch sich als Ohrringverkäufer und mit Arbeit als Abwäscher in Hiddensee verdingte.

Ich selbst hatte die DDR einst 1984 mit einem Ausreiseantrag verlassen, kam nach der Wende 1989 wieder besuchsweise nach Ostberlin und Hiddensee, traf Aljoscha Rompe mehrmals, so wie ich ihn einst auch vor 1984 kannte, wieder. Ja, wir verbrachten sogar einige Zeit zusammen. Aber von einem schüchternen Germanistikstudent aus Halle war nie die Rede. Das ist nicht wichtig, denn so wunderbar wie die Freundschaft im Buch beschrieben ist, war sie etwas ganz besonderes und schließlich ist der Roman Fiktion. Trotzdem ist es merkwürdig.
Gut, es ist ein Roman, Fiktion. Die aber einen sehr, realen Bezug hat. Die Figuren, der Ort, die Umstände stimmen überein oder gleichen sich stark, mit dem, was sich tatsächlich ereignet hat. Dabei aber wird eine ganz gewichtige Tatsache völlig ignoriert: Aljoscha Rompe hatte seit 1980 (zusätzlich zu seinem DDR-Ausweis) einen Schweizer Pass (sein leiblicher Vater war Schweizer, sein Stiefvater Bonze) und konnte damit frei reisen. Seit den 1980er Jahren bereiste er privilegiert mit Schweizer Reisepass und Westgeld die den DDR-lern verschlossene westliche Welt. Er hatte damit eine einzigartige Sonderstellung: Er konnte in beiden Welten frei reisen und auch wichtig: Er musste sich für keine dieser Welten entscheiden. So wie es eigentlich hätte sein sollen. Denn als ehemaliger DDR-Flüchtling konnte man wegen der Strafandrohung der Republikflucht (mindestens 1,5 Jahre Gefängnis) oder als ehemalig legal Ausgereister, mit lebenslangem Wiedereinreiseverbot belegt, nicht wieder zurückkehren.Wohl aber war Aljoscha Rompe nicht so angetan von der freien Welt, denn er propagierte den Verbleib in der DDR. Dies aber mit der doppelbödigen Moral einer hinteren Scheunentür, jederzeit wieder hinaus reisen zu können. Wobei wahrscheinlich einige seiner zum DDR-Verbleib bekehrten Jünger, um die Reisefreit ihres Gurus nicht einmal wussten.Damals eine große Heuchelei und nun auch wieder völlig ignoriert. Der Roman ist sprachlich betörend, lotet unter anderem große Dinge des Lebens aus: Wie viel Freiheit braucht Freundschaft? Wann beginnt Vereinnahmung? Und wie viel Freiheit braucht der Mensch? Nämlich genau die des Aljoschas, eben mit einem Reisepass so viel, wann und wo man will zu Reisen. Aber angesichts der Doppelmoral des Aljoscha-Kruso, ist diese Entstellung nicht hinnehmbar. Dem ehemaligen DDR-ler würgt diese Realität. Denn moralische Werte liegen über Fiktion! Was soll Literatur geben, wenn Dinge so verkehrt werden, wenn Doppelmoral unter den Teppich gekehrt wird? Erst neulich, bei der letzten Oscar-Preisverleihung, erging ein aufrüttelnder Apell an Filmemacher und Schauspieler, verstärkt Filme zu machen, die moralische Werte vermitteln. Für die Literatur gilt dies allemal.
Volkmar Schlutter

Der Mensch als Gestalter der Natur: Gärten und immer wieder Gärten

 

Die Wiederherstellung der Schaugärten in Berlin-Dahlem

 

Die Natur in Form von Gärten zu zähmen, gehört zu einen der schönsten ästhetischen Errungenschaften der Menschheit. Der Land- und Gartenbau gelten als die Anfänge der Zivilisation. Der denkende und vor allem der selbstbewusste Mensch löst sich von der Natur und entzieht sich der einstigen totalen Abhängigkeit von ihr. Es war eine bedeutende Wende von diesem einstigen Ausgeliefertsein hin zur Eigenständigkeit. Durch die aktive Kultivierung war der Mensch nicht mehr von der Laune der Natur, der Eigenwilligkeit des Waldes, der Pflanzen und Tiere, abhängig. Und so ist der Mensch mit der Pflanzenwelt verfahren: Pflanzen wurden im Landbau großflächig kultiviert - in kleinem Maß um Haus und Hof als Gartenbau. Aus dem einst rein funktionalen Gartenbau entwickelten sich später Gärten und Parks zur Erholung von Leib und Seele. Denn besonders der Anblick schöner Blumen freut Sugen und Herz.

Doch die Gartenkunst ist eine in Vergessenheit geratene Kunst. Auch wenn wir die alljährlich mit großem Aufwand beworbenen verschiedensten Landesgartenschauen oder die alle vier Jahre stattfindende Bundesgartenschau erleben können, - so schreckt uns doch der großveranstalterische, ja der nahezu industrielle Charakter ab. Mit einer aufgeblähten Maschinerie versuchen die Veranstalter der Gartenschauen uns nicht als wandelnde Genießer, sondern als Kunden zu gewinnen. Vom Großparkplatz wird man in Busshuttles zum Großgelände gekarrt: Verloren, verlaufen, untergegangen.
Das ist bei den wiederhergestellten Schaugärten der einst Königlichen Gärtnerlehranstalt in Berlin-Dahlem anders: Klein, aber fein. Lieblich und überschaubar - statt wuchtig und großdimensioniert. Die Eröffnung der wiederhergestellten Schaugärten fand an einem schönen Nachmittag im Frühsommer statt. Was kann es besseres geben, als bei wunderbarem Wetter, Sonne und lauem Lüftchen, durch einen schönen künstlerischen Garten in angenehmer Gesellschaft (es waren allesamt Freunde der Gärten) mit einem Gläschen besten Prosecco zu wandeln.
Die Königliche Gärtnerlehranstalt richtete 1903 in Berlin Dahlem Schaugärten zur Ausbildung ihrer Gärtnergesellen ein. An dieser Fachschule wurden die Lehrlinge praktisch-wissenschaftlich und auch gartenkünstlerisch ausgebildet. Am Standort der Königin-Louise-Straße gab es neben modernen Lehr- und Forschungsgebäuden auf 6,5 ha Versuchsflächen für den Gartenbau auch die nur dem sinnlichen Genuss dienenden Schaugärten.

Schaugärten in Berlin Dahlem

Schaugärten in Berlin Dahlem

Wie sinnvoll weitgespannt, gedacht und ausgeführt: In den Nutzgärten wurde sich der Ertragssteigerung im Obst- und Gemüsebau gewidmet; in den Gewächshäusern die Pflanzenvermehrung und Kultivierung exotischer Früchte betrieben. Die gartenkünstlerisch hochwertigen Schaugärten aber, von einem Arboretum umschlossen, waren Anschauungsbeispiele für die Studenten und dienten auch zur Bewertung neuer Zierpflanzensorten. Diese Gärten können wir jetzt in alter Pracht wiederhergestellt genießen.
Denn um ein Haar wäre durch unüberlegte Planungen dieses einzigartige Gartendenkmal zerstört worden. Bereits nach dem Krieg kam so vieles durcheinander. So kam es durch die Neuordnung der Berliner Hochschulen und Universitäten und geänderte Nutzungsrechte für Immobilen des Landes Berlin zu Veränderungen, die die einstige Anlage immer mehr zu entstellen drohte. Um dieser möglichen Verunstaltung wegen, wurde bereits 1995 weitsichtig dieses einzigartige Ensemble unter Denkmalschutz gestellt. Nicht genug damit, denn weitere Planungen von 2006 sahen Veränderungen vor, die diese schöne Gesamtanlage zu zerstören drohten.
„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. ” - Friedrich Hölderlin bewahrheitet sich zum Glück wieder einmal. So gab es durch besonnene Lehrer der Gartendenkmalpflege der Technischen Universität Berlin und der Pückler-Gesellschaft e.V. Berlin (sie erinnern sich der schönen Parkanlagen um Bad Muskau, dem einstigen Wohnsitz von Fürst Pückler) eine glückliche Rettung. Die Schaugärten der ehemaligen Königlichen Gärtnerlehranstalt konnten nach zwei Jahren Bauzeit mit erheblichen Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie und der TU Berlin in ihre alte Pracht und Würde wiederversetzt werden.
Es ist vollbracht. Nicht nur der Botanische Garten, der Britzer Garten, der altehrwürdige Tiergarten, die Gärten der Welt in Marzahn-Hellersdorf sind Großstadtparadiese, so auch jetzt die wiederhergestellten Schaugärten in Berlin Dahlem. Sie alle machen Berlin zu einer der grünsten Großstädte der Welt.
Volkmar Schlutter

Tja, die Franzosen, Heinrich Heine nannte sie einmal so schön: Hofschauspieler des lieben Gottes, les comédiene ordinaires du bon Dieu - Unser Autor Volkmar Schlutter war im Juni im Institut français Berlin:

Die Nacht der Philosophie im Institut français in Berlin

Eine Nacht der Philosophie zu veranstalten ist eine tolle Idee, die unlängst im Französischen Kulturzentrum von Berlin ein großartiges Ereignis wurde. Das Maison de France ist ein Angelpunkt am Kurfürstendamm, jenem geschichtsträchtigen Boulevard der Berliner City-West, der jetzt wieder verstärkt um Aufmerksamkeit kämpft und seinen alten Glanz wieder haben möchte.

La nuit avant le Maison de France a Berlin (Bild: V.S.)

La nuit avant le Maison de France a Berlin (Bild: V.S.)

Nun, die Lange Nacht ist mittlerweile zu einem erfolgreichen Format unseres heutigen Eventismus geworden. Ein Veranstaltungs- und Festivalhype als ein typisches Erscheinungsbild der Postmodernen. Aber bisher kannten wir eher die monströsen Veranstaltungen wie die Lange Nacht der Museen, der Wissenschaften usw., die einem in ihrer Fülle und Überangebot schon allein beim Studium des Programms nahezu resignieren lassen. So wurde aber die Nacht der Philosophie eine eher feine Veranstaltung. Eben mehr Eule als Elefant.
Es war tatsächlich eine ganze Nacht, denn von 19 Uhr bis zum Sonnenaufgang um 7 Uhr gab es eine vielfältige Auswahl hervorragender Referenten sowie Film- und Tonmaterial, die im „Stundentakt das weite Feld der Philosophie mit völlig neuen Ansätzen und Wegen” auf vier Etagen bestritten.

Die Franzosen machen es uns mal wieder vor. Schon einmal zeigten sich die Franzosen in Sachen Philosophie, als Vorreiter. Zuletzt in den späten 1960er und 70er Jahren mit Philosophen und Soziologen wie Michel Foucault, Jean Baudrillard, Jaques Derrida, Gil Deleuze und Pierre Bourdieu, um nur einige zu nennen.
Es ging um ein „Neues Denken”. Einem Denken, das Vielheiten und Differenzen affirmiert. Nicht vile hierzulande kannten und erkannten dies. Es ist vor allem der Verdienst des Berliner Verlegers Peter Gente und von Dietmar Kamper, ehemals Professor für Soziologie an der Freie Universität Berlin, die diese wichtige französische Inspiration nach Deutschland brachten. Peter Gente besorgte mit seinem Merve Verlag die deutsche Erstveröffentlichung der entscheidenden französischen Autoren des Neuen Denkens und löste damit einen Trend aus. Jetzt war der Diskurs, jene neue Art und Weise der Erörterung, um sich einem Thema zu nähern und natürlich um Probleme zu lösen, in aller Munde.
Aber zurück zu dieser fabelhaften, äußerst kurzweiligen Nacht: 62 Vorträge; 12 Stunden Ton und Texte, Filme und Videos. Und als ein wichtiger Bezugspunkt der Philosophie, die Kunst, gab es 12 Performances. Besonders originell die Performance am Klavier von und mit Karol Beffa: Das Publikum wirft philosophische Begriffe in den Raum auf die der Pianist unmittelbar reagiert. Wenn da zum Beispiel „Der Dialog zwischen einem französischen und einem deutschen Philosophen” intoniert wurde, dann war das nicht nur einzigartig, es war auch sehr amüsant.
Das gedruckte Programm machte die Auswahl leichter. Dies alles bei freiem Eintritt und begleitet mit einer großzügigen Bewirtung an Getränken und Pralinès. Denn drohte man doch mal zu ermüden, gab es gratis und nonstop italienischen Kaffee und als geistanregendes Getränk wurden erlesene französische Weine verköstigt. Ein nächtlicher Empfang mit leckerem Aperitif sorgte für wohltuende Erfrischung. So wandelten die ganze Nacht über 5000 Besucher durch das gesamte Haus. Es war leicht, sich rundherum geistig wie körperlich wohl zu fühlen, auch wenn es noch so spät (früh) wurde. Die Franzosen - nicht nur Le Grand Nation.
Volkmar Schlutter

Es lohnt sich, die jüngst veröffentlichten Snowden-Dokumente genau zu lesen!
Im NSA-Dokument “Information Paper” (top secret) vom 17. Januar 2013 stehen interessante Angaben über die Zusammenarbeit der NSA (National Security Agency) mit dem BND (BundesNachrichtenDienst) und dem BSI (Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik).
In einer vorvertraglichen Vereinbarung (Memorandum of Understanding) zur Zusammenarbeit in der digitalen Ausforschung des Internets (computer network defence, CND) werden zur Zusammenarbeit von NSA, BND und BSI eine Reihe von Themen (issues) behandelt und inhaltlich vereinbart:
Im Abschnitt “Key Issues” (Hauptthemen) steht unter Punkt 1 u.a. folgendes:

Issue #1: The BND has been working to influence the German Government to relax interpretation of the privacy laws over the long term to provide greater opportunity for intelligence sharing. (…)

Übersetzt heißt dies, dass der BND die Bundesregierung auf lange Sicht dahingehend beeinflusst, dass die Freiheitsrechte in den Grundrechten (gemeint: Art. 10 Grundgesetz zur Unverletzlichkeit der Brief, Post- und Fernmeldegeheimnisses) lockerer (relaxed!) interpretiert werden, damit bessere Möglichkeiten zum Datenaustausch der Geheimdienste bestehen. Sprich: Damit die Bürger leichter ausgehorcht werden können! Ein hübscher Knaller!

Im Abschnit “Success stories” wird über den Erfolg der o.g. Beeinflussungen des BND berichtet, so heißt es an dritter Stelle:

The German government modified its interpretation of the G-10 Privacy Law, protecting the communications of German citizens, to afford the BND more flexibility in sharing protected information with foreign partners.

Übersetzt heißt dies: Die Bundesregierung hat nun das G-10 Gesetz zur Kommunikation der Bundesbürger dahingehend bereits geändert, das der BND mehr geschützte Bürgerdaten mit ausländischen Partnern, sprich dem NSA, austauschen kann.
Das G-10 Gesetz stammt vom 26.6. 2001 und beschränkt schon das Brief, Post- und Fernmeldegeheimnis nach Art. 10 im Grundgesetz. Es wurde 2005, dann am 31.7. 2009 und zuletzt am 6. Juni 2013 geändert und verschärft, eben nach Einwirken der Geheimdienste auf die Regierung, um den Geheimdiensten immer mehr Befugnisse zur Verletzung von Art. 10 des Grundgesetzes, also dem Freiheitsrecht auf Post- und Fernmeldegeheimnis, zu geben.
Allerdings sind die Amerikaner vom NSA offensichtlich noch nicht ganz zufrieden mit dem BND, denn so heißt es am Ende des Abschnitts “Success stories” im o.g. “Information Paper”:

The BND’s inability to successfully adress German privacy law (G-10) issues has limited some operations, but NSA welcomed German willingness to take risks and to pursue new opportunities for cooperation with the U.S. particularly in the CT (Anmerkung: CT = counter terrorism) realm.

Übersetzt heißt dies: Die Unfähigkeit des BND zur ausreichenden Einwirkung auf das G-10-Gesetz hat bestimmte gemeinsame Operationen eingeschränkt. Dennoch begrüßt die NSA die Bereitschaft des BND, Risiken zu übernehmen, um eine umfangreichere Kooperation mit den USA, insbesondere auf dem Feld der Terrorismusbekämpfung, zu erreichen.
Ein echter Knaller! Denn was heißt hier “German willingness to take risks”, das ist doch nicht etwa der Aufruf zum Gesetzesbruch seitens des BND?

Summa Summarum: Es gibt eine intensive Zusammenarbeit zwischen NSA, BND und man staune, mit dem BSI! Dies geht soweit, das die Bundesregierung unter Druck gesetzt werden soll. Ziel ist dabei offensichtlich, die totale Kontrolle über die Bürger durch Aushebelung des Grundgesetzes, insbesondere von Artikel 10 über die Unverletzlichkeit von Brief, Post- und Fernmeldegeheimnis! Die Penner der Geheimdienste sind zum Glück ziemlich doof. Der BND ist nicht nur ein lächerliches Faktotum der NSA, viel schlimmer, der BND handelt nach diesen Dokumenten vermutlich verfassungsfeindlich.
Die Zusammenarbeit zwischen NSA und BND läuft übrigens unter dem alles sagenden Namen “DER ZEITGEIST” (Joint SIGINT activity) und hat hier auch ein Logo mit amerikanischem Adlerkopf vor deutscher Flagge!

Mit herzlichen Jrüßen, altergecko

Lesen Sie selbst genau im Original im Spiegel-Archiv: http://www.spiegel.de/media/media-34000.pdf

Die Komplexität des Lebens stört nicht nur die Politik klassischer Diktaturen sondern auch kapitalistische Medien und überhaupt die kapitalistische Wirtschaft. Darum bemühen sich viele Einflussnehmer um Reduktion der Komplexität bis hin zur Propaganda. Komplexität sollte in einer Demokratie aber nicht reduziert werden, sondern sie sollte verstanden werden. Und ein solches Verständnis kostet Zeit.
Die aktuelle Ukraine-Krise ist ein gutes Beispiel für die simplifizierten Meldungen einer Aktuellen Kamera des Kapitalismus im Sinne westlicher Machtinteressen.
Die herausragende Russland-Kennerin und Journalistin Gabriele Krone-Schmalz widmet sich in einem Interview des Zapp-Magazins am 16.4.2014 im NDR diesem Thema. Anschauen und Zuhören lohnt sich: Interview zur Ukrainekrise und den Medien auf Zapp: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/media/zapp7411.html

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