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Ein Kulturtipp ersten Ranges kann nun vom 9.-29. Januar 2012 wieder für Leipzig gegeben werden:

Jedes Jahr reist die berühmte Wanderausstellung preisgekrönter Pressefotografie um die Welt von Rio bis, ja bis nach Leipzig. In Leipzig schließlich kommt sie - etwas spät, aber sie kommt - im Januar des Folgejahres an. Dieses Jahr werden die vom Wettbewerb World Press Photo Award 2011 ausgezeichneten Pressebilder vom 9.-29. Januar 2012 im Leipziger Hauptbahnhof ausgestellt. Urheber des Fotowettbewerbs ist die bereits 1955 in den Niederlanden gegründete und gemeinnützige World Press Photo Foundation.

Die ausgewählten Fotos von Pressefotografen aus aller Welt wurden in 10 verschiedenen Kategorien mit Preisen bedacht, darunter die Bereiche “Harte Fakten”, “Portraits”, “Sport”, “Alltagsleben”, “Natur” oder “Kunst und Kultur”. Dazu gibt es das Foto des Jahres, das inzwischen weltbekannte Portrait des verstümmelten afghanischen Mädchens Bibi Aisha, gemacht von der südafrikanischen Fotografin Jodi Bieber.

Der Leipziger Hauptbahnhof, ansonsten eine Ansammlung der üblichen Verkaufsstellen für Durchreisende und Sonntagseinkäufe, ist also im Januar ein Tempel der Kultur. Die Ausstellung beweist auf wunderbare Weise, wie unendlich groß der Gap zwischen der Konsumverblödung des Mainstreams und echter Kultur ist.

Es ist nicht nur das Foto des Jahres, viele andere Fotos stimmen den Betrachter nachdenklich, faszinieren, überwältigen: Darunter Menschen in demütigenden Situation, die von Google Street View aufgenommen wurden, oder die Aufnahme eines Toreros, nämlich Spaniens Star-Matador Aparicio, in ballettartiger Konstellation mit seinem Stier, wobei letzterer sein Horn dem Gegner durchs Gesicht bohrt, sowie viele weitere ungeheuerliche Bilder mehr.

Was bleibt: Hingehen und selbst anschauen vom 9.-29. Januar 2012 im Leipziger Hauptbahnhof.

http://www.worldpressphoto.org/winners/2011

Wenn Theater im Theater gespielt wird, dann klingt das zuerst nach Nabelschau oder gar nach Selbstbeweihräucherung. Aber keineswegs bei Die Sonne von Olivier Py an der Berliner Volksbühne. Das Stück und die Inszenierung ist nicht nur gut, weil es eine wichtige Frage der Gesellschaft, Wozu Theater?, unverblümt thematisiert, so auch weil es von besten Schauspielern in traditioneller Sprechtheatermanier großartig erspielt wird.

Die Geschichte kreist mehr oder weniger um den Theaterautor Josef mit seinem Stück, dessen Hauptdarsteller Axel, mit dem Intendanten, dem Ensemble und mit der gesamten Theaterfamilie mit allen skurrilen Auswüchsen, Schattierungen und Verwirrungen. Und sie handelt von einem neuen Stück von Axel. Josefs Stück wird alsbald vom Intendanten wegen eines handfesten Streits zwischen ihm und Axel um Demokratie, vor allem in der Kunst, abgesetzt. Demokratie, Gesellschaft und Theater - wie steht das zu einander? Und da hinein wird unvermeidlich die alte unlösbare Zwiespältigkeit von dionysischem und apollinischem Charakter gelegt, manifestiert durch Hauptdarsteller und Autor. Alles mächtig gewürzt mit dem Beiwerk der familiären Verflechtungen und dem allbekannten Beziehungschaos. So zum Beispiel Elena, die Mutter des Autors, die zuerst mit dem Hauptdarsteller und später mit dem Hippster Bobby liiert ist. Dabei werden die heutigen Dinge, das moderne Großstadtleben in wunderbar erfrischender Weise karikiert.

Olivier Py, Intendant des Odeon-Theatre de l´Europe in Paris und zukünftiger Direktor des renommierten Theaterfestival d´Avignon, hat das Stück eigens für die Volksbühne Berlin geschrieben. Ein wirklich gutes und nachdenkliches Stück. Dazu hervorragend von ihm inszeniert mit einem ausgefallenen Bühnenbild (Pierre André Weitz), welches mehr oder weniger ständig in Bewegung ist. Aber allen voran sind es klasse Schauspieler: Sebastian König (Axel), Uwe Preuss (Intendant), Ilse Ritter (Elena, die Mutter von Josef), Lucas Prisor (Josef), Claudius von Stolzmann (Bobby) und die anderen natürlich auch. Dazu und zwischen den Szenen gibt es Musik von Mathieu el Fassi, virtuos von Sir Henry am Klavier interpretiert.

Das Stück ist eine Mischung von Erziehungstheater (erinnert stellenweise an das Brechtsche Theater), Komödie, und Klamauk. Ja, manchmal schien der eine oder andere Moment etwas platt, aber es wurde nie langweilig. Es blieb in den 3 ½ Stunden spannend bis zum Schluss. Und das will heute schon etwas heißen, wo wir doch fast meinen, nur noch bei Geschrei und Effekten aufmerksam zu sein. Nach der Pause gab es kurze Längen, die aber mehr oder weniger schnell vergingen. Nun, etwas weniger Nacktheit würde dem Stück kein Abbruch tun, das aber am Rande.

Als Bobby endgültig die Mutter verlässt, da hätte auch Schluss sein können. Hätte, aber der abschließende Bogen mit einem Monolog des Hauptdarstellers Axel und seinem originellen Abgang in den Zuschauerraum, brachte ein großes, nahezu kathartisches Ende. Bei aller Konkurrenz zum Kino mit momentan vorzüglichen Filmen, zeigt hier Die Sonne mit seinem anspruchsvollen Thema und der greifbaren und lebendigen Spielweise, dass Theater heute in der Gesellschaft mindestens so berechtigt und notwendig wie das Kino oder die anderen Künste ist. Wozu Theater - also eindeutig geklärt.

Volkmar Schlutter

http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/die_sonne/

Soweit ists gekommen, unser Hauptstadtkorrespondent VS! auf Wallfahrt, nächstes Mal wieder frisch aus dem Kanzlerinnenamt, äh, aus der Kanzlerämtin, äh, oder vom Barrosoamt, wie auch immer, ein, zwei, drei Lutherbier, Prost!

Der Reformationstag 2011 - wie kann man den Tag würdiger begehen als nach Wittenberg zu fahren, denn hier hat er ja gelebt und gewaltet. Also ging es von Berlin mit Zug und Fahrrad zum dortigen Reformationsfest. Das hat zwar wegen Schienenersatzverkehr doppelt solange gedauert, aber dafür brauchte man gleich mal fast nix bezahlen. So kam auch ein Zwischenaufenthalt von über einer Stunde in Jüterbog zustande. Ein kleines Städtchen in Südbrandenburg, wo man eigentlich immer nur durchfährt. Die unfreiwillige Zeit nutzte ich und fuhr kreuz und quer durch das schöne und zu Unrecht halbvergessene Städtchen. Ist wirklich ein Besuch wert.

Am Mittag dann in Wittenberg angekommen war schönstes sonniges Wetter, viele Leute und alles ganz Luther: Lutherbratwurst, Lutherkekse, Reformationsbrötchen, Lutherwein, Lutherbier, Lutherbraten usw.. Alles schön teuer, dünn und nur halb soviel drin. Ich habe dann erst einmal zwei Lutherbockwürste gegessen, denn das schien mir mit 1,50 Euro das billigste auf dem ganzen Fest. Aber just in dem Moment war die Kasse unbesetzt. Irgendwann nachmittags bin ich die knapp 20 km mit dem Rad zum Schloss Oranienbaum gefahren. Dort war dann bereits dicker Nebel über den Elbeniederungen. Der Park und Schloss war sehr schön, fast schöner als in Wörlitz, weil kleiner, lieblicher und abgelegner. Bereits schon dunkel ging es auf dem Elbdamm wieder zurück nach Wittenberg. Am Kiosk dort dann das wohlverdiente Feierabendbier. Und das schnell mal von 1,50 auf 1 Euro heruntergehandelt. Weil so günstig, gleich ein zweites hinterher gezischt.
Es war bereits Abend, noch einmal über den Markt geschlendert und hier diese teuren Mittelalter-Käseschinkenbrötchen geschenkt bekommen. Weil sie in ihrem protestantischen Arbeitseifer zu viele davon gebacken hatten, wurde sie diese nicht mehr los. Dafür aber waren sie christlich freigiebig. Einen ganzen Beutel bekam ich davon. Spät nach Hause gekommen, ging ich müde und satt ins  Bett - wohl wie Luther.

VS!

… in einem seiner Gedichte glitzert aus einem auslaufenden Telefongespräch, so wird es Tomas Tranströmer, der schwedische Dichter, erlebt haben, als das Nobelpreiskomitee ihn angerufen hat, siehe Literaturnobepreis 2011

3. Oktober 2011
Das Leben ist zuweilen sehr ungerecht! Der heute frisch gekürte Nobelpreisträger für Medizin Ralph Steinman ist bereits vor 3 Tagen gestorben. Sicher hätte sich Steinman sehr gefreut - nun vielleicht bekommt er einmal eine Art Retro-Nobelpreis.

Stockholm und Harvard, 29. September 2011

Vor Bekanntgabe der großen und offiziellen Nobelpreise wurden jüngst die Preisträger des Alternativen Nobelpreises - der Right Livelihood Award 2011 - und die des etwas durchgeknallten 21. IG-Nobelpreises bekanntgegeben!

Die Termine der Bekanntgabe der Nobelpreise 2011 stehen fest: siehe unter Nobelpreislexikon…

Ein Artikel von Ansgar Bach
für Roald Hoffmann zum 74. Geburtstag

Wer ist, oder, wer war Bernard Katz? Sehr viele Leipziger werden den großen Sohn ihrer Stadt, der 1970 mit dem Nobelpreis für Physiologie und Medizin ausgezeichnet wurde, nicht kennen. Selbst am Universitätsklinikum in der Liebigstraße weiß kaum mehr einer, wo das eigentlich schwer übersehbare Denkmal zu Ehren von Katz steht. Es wurde von dem Bildhauer Markus Gläser geschaffen und im Jahr 2000 im Patientengarten errichtet. Hat Leipzig den 100. Geburtstag von Sir Bernard Katz am 26. März 2011 vergessen? Jedenfalls nahm ich weder in der Tagespresse noch im Rundfunk einen Beitrag dazu wahr. Dabei ist Katz, wenn nicht der einzige, so doch einer der ganz wenigen in Leipzig geborenen Nobelpreisträger, und in Leipzig beginnt seine wissenschaftliche Laufbahn, hier werden seine Forschungen sogar erstmals mit einem Preis ausgezeichnet.

Denkmal für Bernrad Katz im Garten am Bettenhaus Liebigstraße

Denkmal für Sir Bernard Katz im Garten am Bettenhaus Liebigstraße

Bernard Katz hat mit seinen Forschungsergebnissen als Wissenschaftler, er war Neurophysiologe und Biophysiker, ganz entscheidend zum Verstandnis der Funktion unseres Nervensystems beigetragen. Dafür wurde er 1970 zusammen mit Julius Axelrod und Ulf von Euler-Chelpin mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Katz starb am 20. April 2003 in London, wo er die meiste Zeit seit 1935 lebte.

Titel der Denkmal-Inschrift

Titel der Denkmal-Inschrift

Bernard Katz als Schüler und Student in Leipzig

Auf salopp mit „Eine autobiographische Skizze” betitelten 23 Seiten berichtet uns Katz über seine Zeit in Leipzig. Diese Skizze erzählt seine Geschichte als Schüler, Student und junger Forscher in der Stadt Leipzig im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Katz ist Kind einer jüdischen Familie aus Russland. Sein Vater Max Katz, ein Pelzhändler, einst in Mogilew (heute: Mahiljou in Weißrussland) am Fluss Dnjepr aufgewachsen, siedelt 1904  - eine Zeit unsicherer Verhältnisse mit antijüdischen Pogromen, dazu kommt der Beginn des russisch-japanischen Krieges - nach Leipzig über. Leipzig war als international führendes Zentrum im Pelzhandel für den Vater und seine Geschäfte sehr attraktiv. Max Katz führt sein Pelzhandelsgeschäft in der Nikolaistr. 31 (heute: Nachfolgebau). Er heiratet Eugenie Rabinowitz, sie wohnen in der damaligen König-Johann-Str. 13, heute Tschaikowskistraße (Waldstraßenviertel). Die Familie behält die russisch-zaristische Staatsbürgerschaft. Somit kommt Sohn Bernard 1911 als „Untertan des russischen Zaren” in Leipzig zur Welt. Bernard Katz ist also echter Leipziger, er hat aber nie die deutsche Staatsbürgerschaft besessen. Durch die Oktoberrevolution 1917 wurden die Familienmitglieder plötzlich staatenlos. (1941 wird Bernard Katz in Australien die englische Staatsbürgerschaft erhalten.)
Obwohl der neunjährige Bernard die Aufnahmeprüfung am renommierten Schiller-Realgymnasium in Leipzig-Gohlis mit hervorragenden Noten besteht, wird er abgelehnt. Ein Bekannter berichtete ihm später, dass es nach Auffassung des Direktors dem Ruf der Schule nur abträglich sein [könne], wenn der neue Jahrgang in puncto Leistung von einem russischen Juden angeführt werde. Ohne Probleme kann Bernard Katz jedoch anschließend auf das humanistisch ausgerichtete König-Albert-Gymnasium (zerst. 1943) wechseln, damals in der Parthenstraße 1, Leipzig-Nord. Diese Schule war leicht zu Fuß zu erreichen und Katz erinnert sich: Ich faßte eine Zuneigung zu dieser Schule und denke noch heute mit Dankbarkeit und Sympathie an so manchen meiner alten Lehrer zurück. Von den Lehrern am König-Albert-Gymnasium schätzt er besonders die Sprachenlehrer Hans Leisegang und Hans Lamer. Er [Leisegang] hielt uns dazu an, Wörter und Sätze mit Hochachtung zu behandeln und uns - besonders in schriftlichen Äußerungen - einer glasklaren Sprache zu befleißigen. [...] ungeachtet seiner ultrakonservativen politischen Einstellung vermittelte uns Leisegang einen tiefen Einblick in die Entwicklung der deutschen Literatur und Philosophie - von den idealistischen und romantischen Bewegungen bis hin zum dialektischen Materialismus und der Psychoanalyse, und er tat dies in sehr ausgewogener, ja beinahe objektiver Manier. Wegen seiner ausgezeichnetetn Noten kann Katz ein Schuljahr überspringen und schon nach 8 Jahren, 1929, das Abitur ablegen. Der Gymnasiast entdeckt für sich in Leipzig das Theater und die Oper, mit besonderer Vorliebe für die wagnerischen Musikdramen. Dazu entwickelt sich über seinen Freund, Mitschüler und Schachturnierspieler Hans Wydra ein besonderes Vergnügen am Schachspiel: Ich [...] suchte nachmittags meistens eines der Leipziger Cafés auf, in denen die Schachspieler sich trafen.

Der Gymnasiast registriert sehr genau den wachsenden Antisemitismus in Deutschland: Ich habe niemals den Schock der Ermordung Walter Rathenaus verwunden, des jüdischen Außenministers, der im Sommer 1922 von antisemitischen Jugendlichen ermordet wurde. Der Prozess fand damals am Reichsgericht in Leipzig statt (der Schriftsteller Joseph Roth, damals in Leipzig, schrieb darüber, vgl. das Buch Literarisches Leipzig). Aus dieser Zeit bleibt Katz auch ein Mitschüler mit dem Namen Rocca besonders unangenehm im Gedächtnis. Dieser Rocca verbreitete das bösartige Gerücht, dass es für eine damals unterirdisch unter dem Markt angelegte Messehalle den Plan gäbe, dass dort die jüdischen Bürger Leipzigs versammelt und „durch eingeleitetes Gas” getötet werden sollen. Katz sagt dazu: Ich erzähle diese Episode hier, weil sie sich meinem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt hat und schon einen Vorgeschmack jener Ideen lieferte, die in den Köpfen mancher Leute rumorten, bevor sie sie zwanzig Jahre später dann tatsächlich in die Praxis umsetzen konnten.

Im April 1929 nimmt Bernard Katz an der Universität Leipzig das Studium der Medizin auf. Wie schon zuvor am König-Albert-Gymnasium sind es auch an der Leipziger Universität bestimmte, hervorragende Lehrerpersönlickeiten, die Katz’ Leben bereichern, ihn motivieren und ihn für die Wissenschaft begeistern. Anfangs war es ein sehr beeindruckender Vortrag Professor Victor von Weizsäckers [einem Onkel des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker] über die sozialen Auswirkungen der Fortschritte der Medizin, die Katz zum Erlernen des Arztberufes bewegten. Der Absolvent eines humanistischen Gymnasiums hatte eine vergleichsweise geringe naturwissenschaftliche Vorbildung, er musste nun die Vorlesungen in Botanik, Zoologie, Chemie, und Physik besuchen. Er hat das große Glück die Physik in Leipzig bei Peter Debye [Nobelpreis für Chemie 1936, ab 1940 Cornell-University in Ithaca, NY, USA] zu hören: Seine von Demonstrations-Experimenten begleitete Vorlesung fand allmorgendlich zwischen acht und neun statt. Debye war nicht nur ein großer Wissenschaftler, sondern auch ein begnadeter „Show-Mann”, dem seine Vorlesungen sichtlich Spaß machten. Er hatte eine wunderbare Begabung, Fakten, Ideen und Theorien aufs unterhaltsamste und einprägsamste zu präsentieren. Andere Gelehrte in Leipzig, wie die Medizinhistoriker Henry Sigerist [später an der John-Hopkins-Universität, Baltimore, USA] und Owsei Temkin [folgte Sigerist an die JHU nach Baltimore] weckten in Katz das Interesse für Medizingeschichte. Das Institut für Medizingeschichte [heute: Karl-Sudhoff-Institut, Käthe-Kollwitz-Str. 82] war der Treffpunkt der kultiviertesten unter den Medizinstudenten, dort diskutierten sie über die unterschiedlichsten „medizinischen, historischen und sogar literarischen Themen. Dem Studenten Katz wurde plötzlich die Kraft und Tiefe der großen wissenschaftlichen Entdeckungen bewußt. Katz entwickelt nun auch einen Widerwillen gegen das mir früher so teure, anmaßende philosophische „Spekulantentum“. Lieber  beschäftigte er sich mit den Vorlesungen des großen Physikers Helmholtz [Hermann v. Helmholtz 1821-1894], auch in Katz’ Augen einer der größten experimentellen Wisenwschaftler aller Zeiten, der sich klar gegen Deutschlands romantisches Naturphilosophentum wandte.

Katz und Hund

Bei einem Sommerurlaub zu Anfang der 30iger Jahre an der Ostsee lernt Katz den Leipziger Professor und Physiker Friedrich Hund [Naturwissenschaftler kennen die „Hundsche Regel", Hund war 1929-1946 an der Universität Leipzig, später in Göttingen, wo er 1997 starb] kennen. Beide stellen sich feierlich mit „Katz - Hund” vor, was unter den Studenten allgemeine Heiterkeit auslöste.

Der Student Katz ist sehr fleißig. So berichtet er, dass er sich in dieser Zeit in Leipzig als Wissenschaftsjournalist betätigte und für einen Verleger populäre Artikel über medizinische und naturwissenschaftliche Themen schrieb. Dazu jobbt er noch vor Abschluss des Physikums als Assistent bei zwei Ärzten, die in einer Leipziger Vorstadt eine Gemeinschaftspraxis betrieben. Es sind HNO- und Augenärzte, die Katz schon kleinere Operationen machen lassen, für den Studenten ein extra Taschengeld. Nach seiner Promotion 1934 zum Dr. med. wird Katz auch einige Monate als Medizinalassistent kostenlos am jüdischen Krankenhaus [bis 1938 „Israelitisches Krankenhaus-Eitingon-Stiftung", Waldstraßenviertel, heute Eitingon-Straße, gehört heute zum Klinikum St.-Georg] arbeiten.

Vor der Emigration

Unter der wachsenden Bedrohung des stärker werdenden Nationalsozialismus schließt sich Katz einer zionistischen Studentenbewegung an. Bevor Katz Deutschland 1935 verlässt, begegnet er im Sommer 1934 im Kurort Karlsbad dem charismatischen Führer der Zionisten Chaim Weizmann [Chemiker und später erster Staatspräsident Israels 1948-1952], Weizmann wird ihm für die Ausreise behilflich sein. Noch ist es nicht soweit.

Nach dem Physikum beginnt Katz seine eigenen Forschungen am Physiologischen Institut in der Liebigstraße in Leipzig, angeleitet von seinem Professor Martin Gildemeister, einem bekannten Physiologen. Zur Neurophysiologie fühlte ich mich bereits ziemlich früh hingezogen, und zwar etwa seit 1930. In jenen Tagen galt die Ergründung der Gesetze der elektrischen Nervenstimulation [...] als eine große Sache. Katz erlernt die damals fortschrittlichsten Experimentiertechniken bei dem Leipziger Physiologen Johann D. Achelis, der Katz auch zur Erforschung der „Muskel-Permeabilität” führt. Obwohl Achelis sich nach 1933 den Nazis als Beamter im Erziehungsministerium angedient hatte [nach dem Krieg publiziert er u.a. zusammen mit Hoimar v. Ditfurth über Verhaltensphysiologie], behält Katz meine Hochachtung vor seinem Charakter. Achelis erkennt schnell die Begabungen und Fähigkeiten von Katz und befördert dessen Weg in die Wissenschaft.

Katz’ Forschungen finden noch in Leipzig Anerkennung: Meine Teilzeit-Forschungen am Physiologischen Institut in Leipzig führten auch zur Veröffentlichung einiger Artikel in Pflüglers Archiv. Aus diesen Arbeiten baute ich dann im November 1934 meine Dissertation zusammen. Unter ungewöhnlichen Umständen gewinnt Katz 1934 im Rahmen eines Universitätswettbewerbs den „Siegfried-Garten-Preis”, benannt nach dem Physiologen und Vorgänger Martin Gildemeisters in Leipzig. Es gab nur 2 Bewerber auf den Preis, die sich anonym beworben hatten. Katz gewann unter dem unverdächtigen Pseudonym „Johannes Müller” [nach dem Vater der deutschen Physiologie]. Als bekannt wurde, dass ein „Nicht-Arier” gewann, wurde verkündet, dass das Preisgeld unter diesen Umständen natürlich nicht vergeben werden könne. Professor Martin Gildemeister überreichte Katz heimlich das Preisgeld kurz darauf unter dem Tisch.

1934 erhält Katz die Anforderung eines Sonderdrucks seiner Publikation über eine seltsame Reaktion des Froschmuskels auf Streckbewegungen, es war der junge Ulf von Euler-Chelpin, der viel später, 1970, zusammen mit Katz mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wird.

Katz liest die Nature-Artikel des damals führenden Physiologen Archibald V. Hill [Nobelpreis für Medizin 1922] in London. Interessiert verfolgt Katz dabei auch die Leserbrief-Duelle zwischen Hill und dem nationalsozialistischen Physiker Johannes Stark [Nobelpreis für Physik 1919] über die Vertreibung jüdischer Wissenschaftler aus Deutschland. Diese Vertreibung bezeichnete Stark als „Schutzvorkehrung gegen eine Einflußnahme unloyaler Kräfte”. Hill dankt Stark spöttisch für den Eingang großer Geldspenden, die auf Starks Thesen zurückzuführen seien.

Archibald V. Hill ist die nächste charismatische Persönlichkeit, die die Zukunft des Wissenschaftlers Bernard Katz fortan bestimmen wird. Im Februar 1935 emigriert Katz nach England. Er wird bei Hill in London seine Forschungen über das Nervensystem höchst erfolgreich fortsetzen.

Bernrad Katz bei der Arbeit im Labor

Sir Bernard Katz bei der Arbeit im Labor

Literatur (hieraus auch alle Zitate kursiv):
Peter Weiß, Peter M. Steiner (Hrsg.): Forschung und Technik in Deutschland nach 1945. Deutsches Museum Bonn. Deutscher Kunstverlag, München 1995

Vor fast genau 245 Jahren, im September 1766, kommt Giacomo Casanova nach Leipzig: Da die Leipziger September-Messe sehr schön war, so fuhr ich dorthin, um zu meiner Kräftigung recht viele Lerchen zu essen, die mit Recht sehr berühmt sind.

Casanova - hier als junger Mann

Casanova - hier als junger Mann

Casanova war gerade auf dem Weg der Rekonvaleszenz von einer hässlichen Krankheit, die er sich in Dresden von seiner Begleiterin Maton zugezogen hatte. Die Leipziger Lerchen bauten ihn wieder auf, und zwar echte Lerchen, also solche, eiweißhaltige, die einst trillern konnten, und nicht solche, die heute aus Mürbeteig-Gebäck mit Mandelmasse angeboten werden, wobei auch letztere durchaus lecker sein können. Die gebratenen Singvögel haben den Frauenhelden also wieder auf Trab gebracht, so konnte er auch den Messestress bewältigen, dazu erlebte er hier ein reizendes Verwirrspiel mit einer Prinzessin und traf eine alte Bekannte aus London wieder, die er schließlich wieder zurück in Dresden näher kennenlernen durfte.
Casanova ist in Leipzig-Gohlis gerade sehr en vogue: Das Gohliser Schlösschen bietet eine Inszenierung mit Perspektive aus Casanovas letztem Aufenthaltsort, Schloss Waldstein im böhmischen Dux. Auch das Schillerhaus bereitet für September eine szenische Lesung vor.

Zum Thema “Casanova in Leipzig” werden im “Orangenladen”, ebenfalls in Gohlis, am Kirchplatz 7 (Ecke Menckestraße), interessante Lesungen angeboten: 2. Juli 20:00 Uhr, 8. Juli 20:00 Uhr, 29. Juli sowie 5. und 12. August. Radio Mephisto berichtet am 1.8.2011: http://mephisto976.uni-leipzig.de/themen/beitrag/artikel/casanova-in-leipzig.html

Lesungen: Casanova in Leipzig

Lesungen: Casanova in Leipzig

Wer mehr über Casanova in Leipzig wissen möchte, sei auf das schöne Buch Literarisches Leipzig verwiesen.

Casanova und Leipzig - die Beziehung ist vielfältig: Der alte F.A. Brockhaus war so schlau und erwarb 1821 von Carlo Angiolini, Neffe des großen Lebenskünstlers, das Manuskript der Memoiren Giacomo Casanovas, und es folgten sehr erfolgreiche, zunächst noch zensierte, Übersetzungen. Ein viel späterer und weitaus unbedeutenderer Brockhaus verkaufte 2010 dieses edle Manuskript nach dem Untergang des gleichnamigen Verlagshauses in Leipzig (2008) gegen viel Cash an Frankreich. Das Rechercheteam von artikelmacher.de hat aber (ha!) die erste Seite retten können:

Erste Seite vom Manuskript der Memoiren...

Erste Seite vom Manuskript der Memoiren...

Pfingsten ist Veranstaltungszeit, viele Berliner können den sogenannten Karneval der Kulturen nüscht mehr sehen und pilgern nach Leipzig (äh, natürlich mit dem Interconnex), denn hier gibt es wieder das WGT - 20 Jahre WGT! - und das Bachfest, nur freie Hotelzimmer gibt es nicht mehr.

Und das WGT ist viel karnevalistischer, viel friedlicher, viel reicher an Spirit als der Kreuzberger Karneval der Kulturen.

kleiner weiß-rosa gewandeter WGT-Besuchernachwuchs

kleiner, weiß-rosa gewandeter WGT-Besuchernachwuchs

Wem die WGT-Dauerkarte zu kostspielig ist, dem sei aber unbedingt der Besuch des “Heidnischen Dorfes” am Torhaus in Leipzig-Dölitz ans Herz gelegt und natürlich ein Schauspaziergang im Clara-Zetkin-Park.

Ja, und da ist ja noch das Bachfest…Johann Sebastian Bach hat wohl in Aussicht auf so schöne Pfingstfeste in Leipzig schon mal Der Tag der ist so freudenreich komponiert und auf Orgel intoniert, hier die Noten zum nachpfeifen:

Der Tag der ist so freudenreich...

Der Tag der ist so freudenreich...

Die Karneval-der-Kulturen-geplagten Berliner werden das festliche Leipzig sicher genießen und können - Bachs Orgelwerke pfeifend - bei Rückkehr ihren Orangenen von der BSR beim nachpfingstlichen Zusammenkehren der Bierflaschensplitter am Blücherplatz zuschauen.

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