(Auszüge) Heinrich v. Kleist an Wilhelmine v. Zenge;  Paris, d. 15. August 1801

Und so mögen wir denn vielleicht am Ende thun, was wir wollen, wir thun recht

[…] O wie unbegreiflich ist der Wille, der über die Menschengattung waltet! Ohne Wissenschaft zittern wir vor jeder Lufterscheinung, unser Leben ist jedem Raubthier ausgesetzt, eine Giftpflanze kann uns tödten – und sobald wir in das Reich des Wissens treten, so bald wir unsre Kenntnisse anwenden, uns zu sichern und zu schützen, gleich ist der erste Schritt zu dem Luxus und mit ihm zu allen Lastern der Sinnlichkeit gethan. Denn wenn wir zum Beispiel die Wissenschaften nutzen, uns vor dem Genuß giftiger Pflanzen zu hüten, warum sollen wir sie nicht auch nutzen, wohlschmeckende zu sammeln, und wo ist nun die Grenze hinter welcher die poulets à la suprême und alle diese raffinements der französischen Kochkunst liegen? Und doch – gesetzt, Rousseau hätte in der Beantwortung der Frage, ob die Wissenschaften den Menschen glücklicher gemacht haben, recht, wenn er sie mit nein beantwortet, welche seltsamen Widersprüche würden aus dieser Wahrheit folgen! Denn es mußten viele Jahrtausende vergehen, ehe so viele Kenntnisse gesammelt werden konnten, wie nöthig waren, einzusehen, daß man keine haben müßte. Nun also müßte man alle Kenntnisse vergessen, den Fehler wieder gut zu machen; und somit fienge das Elend wieder von vorn an. Denn der Mensch hat ein unwidersprechliches Bedürfniß sich aufzuklären. Ohne Aufklärung ist er nicht viel mehr als ein Thier. Sein moralisches Bedürfniß treibt ihn zu den Wissenschaften an, wenn dies auch kein physisches thäte. Er wäre also, wie Ixion, verdammt, ein Rad auf einen Berg zu wälzen, das halb erhoben, immer wieder in den Abgrund stürzt. Auch ist immer Licht, wo Schatten ist, und umgekehrt. Wenn die Unwissenheit unsre Einfalt, unsre Unschuld und alle Genüsse der friedlichen Natur sichert, so öffnet sie dagegen allen Gräueln des Aberglaubens die Thore – Wenn dagegen die Wissenschaften uns in das Labyrinth des Luxus führen, so schützen sie uns vor allen Gräueln des Aberglaubens. Jede reicht uns Tugenden und Laster, und wir mögen am Ende aufgeklärt oder unwissend sein, so haben wir dabei so viel verloren als gewonnen- Und so mögen wir denn vielleicht am Ende thun, was wir wollen, wir thun recht […]

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