Frau Schnapp im Wunderland

Frau Schnapp hat mir heute eine Email geschickt. Frau Schnapp ist Teamleiterin der Abteilung Training und Kommunikation, lebt in einer wohlhabenden westdeutschen Stadt, hat einen Job mit Narrenfreiheit, wo Ergebnisse und Effizienz nicht messbar sind. Hauptsache die Kommunikationsblasen schillern wie Seifenblasen. Das erscheint dem ostdeutschen unterbezahlten Arbeitnehmer wie das Wunderland, und Frau Schnapp wandelt darin selbstvergessen und sehr gewichtig.

Nun zum Wunderwerk des elektronischen Schriftverkehrs: Bereits der Betreff ist zweizeilig, das ganze Pamphlet kommt mit Anhängen auf vier ganze Seiten. Für einen wirklich beschäftigten Mitarbeiter ein Kandidat für den Papierkorb oder für die Ablage unter „Später Lesen und dann nicht wieder finden“.

Im ersten Absatz wird berichtet, wie sie diese Mail zum „Verständnischeck“ an eine andere Kollegin geschickt hat. Der Tipp dieser Kollegin lautete: Die Mail samt Anhängen erst mal farbig ausdrucken und nebeneinander legen. Liebe Frau Schnapp, das sollte wohl heißen, der „Verständnischeck“ ist gescheitert und nicht: „Leite doch meinen tollen Tipp an den großen Verteiler weiter“.

Im zweiten Abschnitt werden nun die angehängten wunderbaren farbigen Tabellen erklärt: Frau Müller ist rosa markiert, denn sie muss an drei Schulungen teilnehmen. Diesen Bedarf hat man bei Frau Müller anhand des „Reifegradmodells“ festgestellt. Offensichtlich ist Frau Müller nicht ordentlich reif, eine grüne Pflaume sozusagen. Dann der Satz: „Bitte achten Sie darauf, dass zwischen den einzelnen Schulungsterminen 2-3 Wochen liegen“.

Herr Schmidt ist grün, er braucht nur zwei Schulungen besuchen. Er ist also schon gereift. Und: „Bitte achten Sie darauf, dass zwischen den einzelnen Schulungsterminen 2-3 Wochen liegen“.

Frau Schneider muss nur einmal geschult werden, sie ist ziemlich reif. Sie kann „Erfolge feiern“, weil sie in der Lage ist, drei Kunden gleichzeitig zu bedienen und die „perfekte Wunscherfüllung“ beherrscht. Unter diesem Abschnitt nun zum dritten Mal der nette Hinweis von Frau Schnapp: „Bitte achten Sie darauf, dass zwischen den einzelnen Schulungsterminen 2-3 Wochen liegen“. (Aber Frau Schneider bekommt doch nur eine Schulung?!)

Dann gibt es noch Mitarbeiter, die keine Erwähnung finden, schreibt Frau Schnapp, und das sei so gewollt. Keine weiteren Erläuterungen. Das sind dann wohl die überreifen Kollegen, die schon vom Baum gefallen sind?

Dieses Tagewerk krönt der Anhang mit den Schulungsterminen, welche Frau Schnapp ausgewählt hat, und – erinnern wir uns – ja mit mehrwöchigem Abstand erfolgen sollen. Die Schulungen werden am 13., 14. und 15. September stattfinden.

Damit sind wir doch im Wunderland, wo Zeit ein relativer Begriff ist und solche Leuchttürme auf Kosten anderer in der Arbeitswelt bestehen können.

von posthornschnecke

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.

/*
*/