Wenn Theater im Theater gespielt wird, dann klingt das zuerst nach Nabelschau oder gar nach Selbstbeweihräucherung. Aber keineswegs bei Die Sonne von Olivier Py an der Berliner Volksbühne. Das Stück und die Inszenierung ist nicht nur gut, weil es eine wichtige Frage der Gesellschaft, Wozu Theater?, unverblümt thematisiert, so auch weil es von besten Schauspielern in traditioneller Sprechtheatermanier großartig erspielt wird.

Die Geschichte kreist mehr oder weniger um den Theaterautor Josef mit seinem Stück, dessen Hauptdarsteller Axel, mit dem Intendanten, dem Ensemble und mit der gesamten Theaterfamilie mit allen skurrilen Auswüchsen, Schattierungen und Verwirrungen. Und sie handelt von einem neuen Stück von Axel. Josefs Stück wird alsbald vom Intendanten wegen eines handfesten Streits zwischen ihm und Axel um Demokratie, vor allem in der Kunst, abgesetzt. Demokratie, Gesellschaft und Theater – wie steht das zu einander? Und da hinein wird unvermeidlich die alte unlösbare Zwiespältigkeit von dionysischem und apollinischem Charakter gelegt, manifestiert durch Hauptdarsteller und Autor. Alles mächtig gewürzt mit dem Beiwerk der familiären Verflechtungen und dem allbekannten Beziehungschaos. So zum Beispiel Elena, die Mutter des Autors, die zuerst mit dem Hauptdarsteller und später mit dem Hippster Bobby liiert ist. Dabei werden die heutigen Dinge, das moderne Großstadtleben in wunderbar erfrischender Weise karikiert.

Olivier Py, Intendant des Odeon-Theatre de l´Europe in Paris und zukünftiger Direktor des renommierten Theaterfestival d´Avignon, hat das Stück eigens für die Volksbühne Berlin geschrieben. Ein wirklich gutes und nachdenkliches Stück. Dazu hervorragend von ihm inszeniert mit einem ausgefallenen Bühnenbild (Pierre André Weitz), welches mehr oder weniger ständig in Bewegung ist. Aber allen voran sind es klasse Schauspieler: Sebastian König (Axel), Uwe Preuss (Intendant), Ilse Ritter (Elena, die Mutter von Josef), Lucas Prisor (Josef), Claudius von Stolzmann (Bobby) und die anderen natürlich auch. Dazu und zwischen den Szenen gibt es Musik von Mathieu el Fassi, virtuos von Sir Henry am Klavier interpretiert.

Das Stück ist eine Mischung von Erziehungstheater (erinnert stellenweise an das Brechtsche Theater), Komödie, und Klamauk. Ja, manchmal schien der eine oder andere Moment etwas platt, aber es wurde nie langweilig. Es blieb in den 3 ½ Stunden spannend bis zum Schluss. Und das will heute schon etwas heißen, wo wir doch fast meinen, nur noch bei Geschrei und Effekten aufmerksam zu sein. Nach der Pause gab es kurze Längen, die aber mehr oder weniger schnell vergingen. Nun, etwas weniger Nacktheit würde dem Stück kein Abbruch tun, das aber am Rande.

Als Bobby endgültig die Mutter verlässt, da hätte auch Schluss sein können. Hätte, aber der abschließende Bogen mit einem Monolog des Hauptdarstellers Axel und seinem originellen Abgang in den Zuschauerraum, brachte ein großes, nahezu kathartisches Ende. Bei aller Konkurrenz zum Kino mit momentan vorzüglichen Filmen, zeigt hier Die Sonne mit seinem anspruchsvollen Thema und der greifbaren und lebendigen Spielweise, dass Theater heute in der Gesellschaft mindestens so berechtigt und notwendig wie das Kino oder die anderen Künste ist. Wozu Theater – also eindeutig geklärt.

Volkmar Schlutter

http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/die_sonne/

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