Archiv für das Tag 'Volkmar Schlutter'

Ein Beitrag von Volkmar Schlutter

Es ist wieder soweit: Einmal im Jahr findet in unserem Land das große Nachwuchtreffen der Gesangstalente statt. Allerdings der seriösen Gesangstalente – muss man dazu sagen. Kein Voice of Germany oder Deutschland sucht den Superstar, also TV-Casting-Shows, die größtenteils darauf beruhen das Publikum zu unterhalten, wobei mehr oder weniger häufig die Kandidaten bloßgestellt und der allgemeinen Lächerlichkeit preisgegeben werden. Nein, hier handelt es sich hier um den mittlerweile 44sten Bundeswettbewerb Gesang, der alljährlich in Berlin stattfindet. Dies immer im Wechsel der Genre Oper und Operette und wie in dieses Jahr Chanson und Musical.

Wie kommt man als junger Mensch zur klassischen Musik? Meist geschieht dies durch eine andere Person, naheliegend jemand aus Familie, Schule, Ausbildung oder Studium. Auch der Besuch des Bundeswettbewerbes Gesang kann so ein Schlüsselereignis sein. Aus den vielen ausgewählten Bewerbern geben am Ende ein dutzend Finalisten ein Preisträgerkonzert. Der letzte Bundeswettbewerb Oper und Operette im Dezember 2014 war ein Genuss für die Sinne. Auch wenn der Abschlussabend tiefsinnig mit einer Auftragskomposition nach schwermütigen Gedichten von Georg Heym begonnen hatte, folgte dem ein unbeschwerter Abend. Der Moderator war der Ausnahmeviolinist Daniel Hope mit seiner Liebeserklärung an die Nachwuchssänger: „Die Stimme ist die Geige im Körper“.

Junge Gesangstalente bei der Preisverleihung (Bild: Volkmar Schlutter)

Junge Gesangstalente bei der Preisverleihung (Bild: Volkmar Schlutter)

Es war großartig all das zu erleben, ein Abend voller Anmut. Große Talente haben ihr Bestes gegeben. Und einer der Gewinner, für den Preis des Regierenden Bürgermeisters von Berlin in Höhe von 10.000 €, war Sebastian Wartig, 25 Jahre alt, aus Dresden. Jung und so begabt. Sein Auftritt hatte etwas Magisches: Als schwebe er zwischen Orchester und Publikum. Bravo! Und was ist inzwischen aus ihm geworden? Mit Beginn der Spielzeit 2015/16 ist er festes Ensemblemitglied der Semperoper Dresden und gibt unter anderem seine Rollendebüts als Conte d’Almaviva in der „Hochzeit des Figaros“ und als Dr. Falke in „Die Fledermaus“.

Der Staatssekretär für Kultur, der in Vertretung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin kam, sagte: „Der Preis ist so wichtig für die Opernlandschaft Deutschland. Unterstützen sie deshalb diese jungen Talente.“ Recht hat er. Ein denkwürdiger Abend, dieser Bundeswettbewerb Gesang, er sollte nicht länger ein Geheimtipp bleiben. Wir dürfen und sollten also auf das Preisträgerkonzert am 7. Dezember 2015 im Friedrichstadtpalast Berlin gespannt sein.

Großes Sommer-Derby auf der Trabrennbahn Berlin-Mariendorf

Eigentlich war hier ein Bericht vom Polo-Turnier auf Sylt geplant. Es kam ein Sturm, in Berlin aber war das Wetter bestens für eine andere Art des Pferdesports: Trabrennen. Das einwöchige Sommerderby ist das wichtigste Ereignis im deutschen Trabrennsport. Der Mensch war schon immer von Geschwindigkeit und Schnelligkeit fasziniert. Auch gehört das Spiel zum Menschen. Hier kann man sich an den vorbeipreschenden Wagen mit diesen edlen Tieren ergötzen und man kann sein Glück beim Wetten herausfordern. Das ist die gute Kombination mit einer langzurückreichenden Tradition: War doch im antiken Olympia das Wagenrennen die Königsdisziplin.
Wir feiern ein Jubiläum: Es ist das 120. Deutsche Traber-Derby und die 25. Derby-Auktion in Mariendorf. Und dieses Jahr könnte man mit einer Wiederbelebung des alten Westberlins mit seinem ach so spezifischen Glamour meinen. Schöner hätte der Auftakt nicht sein können: Rassige Pferde, tolle Jockeys, ein begeistertes Publikum, hinzu ein ewiges hin- und her von Wolken und Sonne mit einem kräftigen Sommerwind – mit den unweigerlichen Assoziationen an Frank Sinatra, Großstadt und Tempo – wie halt auf einer Rennbahn. Ein warmer wie auch kräftiger Sommerwind, der all die schicken Hüte bewegte. Denn zum Rennbahnvergnügen gehört der Hut und schicke Kleidung. Besonders die Frauen mit ihren ausgefallenen Hüten tragen dazu bei, diese besondere Atmosphäre zu schaffen. Ja, man trägt Hut. Gleich zum Auftakt des Derbys gab es einen Hut-Wettbewerb.

Bild: Volkmar Schlutter

Bild: Volkmar Schlutter

Auch B- und C-Promis waren zu sehen. Aber ein wenig Politprominenz würde dem Trabrennsport gerade hier auf der Kaiserlich-Endell’schen Tribüne, wo der Jugendstil noch fühlbar ist, im etwas abseitigem Mariendorf gut tun. Von der Tribüne ist die Perspektive auf das Rennen und das Gelände einzigartig und die Atmosphäre erinnert an das Vergnügen der „reichen und vornehmen Leute“ vergangener Zeiten.
Die Wettfreude des Publikums war in den Pausen zu beobachten, wo eifrig Wettscheine ausgefüllt wurden. Das Programmheft mit seinen Tipps und Hintergrundinformationen ist dabei eine wertvolle Hilfe für Neulinge wie auch für versierte Zocker – wenn es auch ständig zu Überraschungen kommt. Denn Profis konnte man nach einer verlorenen Wette enttäuscht aufspringen sehen.

Die Pausen zwischen den Rennen wurden nicht langweilig. Man füllte sie entweder mit dem Gang zum leckeren Büffet oder mit der Beobachtung der Aufwärmrunden der Gespanne und einer Parade des Sprengwagens. Ohne Unterlass fuhr ein Sprengwagen übers Rondell, um die Bahn aufs beste zu präparieren. Der Sprengwagen – ein Inbegriff des Sommers und in Mariendorf mit der Aufschrift „Hier Pferd die BSR“ (Berliner Stadtreinigung) – der typisch lakonische Berliner Humor.Ein herrlicher Tag auf der Rennbahn: Ideal für tolle Pferde und ihre hinreißenden Zuschauer, die manchmal am liebsten mit diesen edlen, kräftigen und schönen Tieren durchgehen würden. Begeisterte Zuschauer, entspannte Atmosphäre mit der immer wieder aufregenden Spannung der Jagd auf den Bahnen. Das letzte Rennen dann im Licht der warmen Abendsonne, noch ein frisches Bier: Ein schöner Tag geselligen und sportlichen Lebens in Berlin geht zu Ende. So mögen es die Berliner und seine illustren Gäste.

Text von Volkmar Schlutter

24. Juli bis 2. August 2015. Informationen unter www.berlintrab.de

Ein Artikel von Volkmar Schlutter

Die nüchterne Realität hinter der schönen Fiktion: Eine Betrachtung zu Lutz Seilers Roman Kruso

Der erste Roman des Schriftstellers und Lyrikers Lutz Seiler, mit Preisen und Lob überhäuft,  im Herbst 2014 in Frankfurt sogar mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, spielt auf Hiddensee. Das ist eine romantische Insel an der Ostseeküste der ehemaligen DDR. Bereits ab Anfang des 20. Jahrhunderts galt sie als eine Künstlerkolonie. Künstler aller Art hatten entweder ein Domizil hier oder verbrachten hier die Sommermonate. Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Hans Fallada, der Regisseur Walter Felsenstein, Asta Nielsen, der Maler Oskar Kruse, um nur einige zu nennen. In der DDR war die abgelegene Insel einst ein Ort, der vorbehaltlich Bonzen und verdienten Intellektuellen vorbestimmt war, aber ab Mitte der 1970er wurde die Insel immer mehr zum Nischen-Ort von DDR-Aussteigern und Andersdenkenden, auch derer, die hier eine mögliche Flucht über die Ostsee auskundschafteten.
Zeit des Geschehens ist der Sommer 1989, Monate, Wochen vor dem Fall der Mauer, als bereits durch die Öffnung des Eisernen Vorhangs von Ungarn zu Österreich, den erfolgreichen Fluchten von DDR-Bürgern über die Botschaften in Prag und Warschau und einer sich erstarkenden Bürgerrechtsbewegung die DDR immer mehr angeschlagen wurde. Der schüchterne Germanistik-Student Ed (nämlich der Autor selbst) trifft bei seiner Arbeit als Aushilfskraft im Sommer auf den mysteriösen Kruso, zwischen denen sich allmählich eine zarte wie auch tiefe Freundschaft entwickelte. Kruso hat alle Ausreisewilligen und DDR-Verdrossenen, die in Hiddensee gestrandet waren, vor der Flucht oder dem Weggang aus der DDR bewahren wollen. Er propagierte eine Art „Freie Republik Hiddensee“. Dieser Kruso existiert aber nicht nur im Roman. Dieser Kruso war in einer jungen Szene von Andersdenkenden und DDR-müden in Ostberlin und in Hiddensee bekannt: Es handelte sich um den realen Aljoscha Rompe (1947-2000), der bei seinen Hiddensee-Aufenthalten in den 1980er Jahren legendäre Strandkonzerte mit seiner Punk-Band Feeling B veranstaltete, so auch sich als Ohrringverkäufer und mit Arbeit als Abwäscher in Hiddensee verdingte.

Ich selbst hatte die DDR einst 1984 mit einem Ausreiseantrag verlassen, kam nach der Wende 1989 wieder besuchsweise nach Ostberlin und Hiddensee, traf Aljoscha Rompe mehrmals, so wie ich ihn einst auch vor 1984 kannte, wieder. Ja, wir verbrachten sogar einige Zeit zusammen. Aber von einem schüchternen Germanistikstudent aus Halle war nie die Rede. Das ist nicht wichtig, denn so wunderbar wie die Freundschaft im Buch beschrieben ist, war sie etwas ganz besonderes und schließlich ist der Roman Fiktion. Trotzdem ist es merkwürdig.
Gut, es ist ein Roman, Fiktion. Die aber einen sehr, realen Bezug hat. Die Figuren, der Ort, die Umstände stimmen überein oder gleichen sich stark, mit dem, was sich tatsächlich ereignet hat. Dabei aber wird eine ganz gewichtige Tatsache völlig ignoriert: Aljoscha Rompe hatte seit 1980 (zusätzlich zu seinem DDR-Ausweis) einen Schweizer Pass (sein leiblicher Vater war Schweizer, sein Stiefvater Bonze) und konnte damit frei reisen. Seit den 1980er Jahren bereiste er privilegiert mit Schweizer Reisepass und Westgeld die den DDR-lern verschlossene westliche Welt. Er hatte damit eine einzigartige Sonderstellung: Er konnte in beiden Welten frei reisen und auch wichtig: Er musste sich für keine dieser Welten entscheiden. So wie es eigentlich hätte sein sollen. Denn als ehemaliger DDR-Flüchtling konnte man wegen der Strafandrohung der Republikflucht (mindestens 1,5 Jahre Gefängnis) oder als ehemalig legal Ausgereister, mit lebenslangem Wiedereinreiseverbot belegt, nicht wieder zurückkehren.Wohl aber war Aljoscha Rompe nicht so angetan von der freien Welt, denn er propagierte den Verbleib in der DDR. Dies aber mit der doppelbödigen Moral einer hinteren Scheunentür, jederzeit wieder hinaus reisen zu können. Wobei wahrscheinlich einige seiner zum DDR-Verbleib bekehrten Jünger, um die Reisefreit ihres Gurus nicht einmal wussten.Damals eine große Heuchelei und nun auch wieder völlig ignoriert. Der Roman ist sprachlich betörend, lotet unter anderem große Dinge des Lebens aus: Wie viel Freiheit braucht Freundschaft? Wann beginnt Vereinnahmung? Und wie viel Freiheit braucht der Mensch? Nämlich genau die des Aljoschas, eben mit einem Reisepass so viel, wann und wo man will zu Reisen. Aber angesichts der Doppelmoral des Aljoscha-Kruso, ist diese Entstellung nicht hinnehmbar. Dem ehemaligen DDR-ler würgt diese Realität. Denn moralische Werte liegen über Fiktion! Was soll Literatur geben, wenn Dinge so verkehrt werden, wenn Doppelmoral unter den Teppich gekehrt wird? Erst neulich, bei der letzten Oscar-Preisverleihung, erging ein aufrüttelnder Apell an Filmemacher und Schauspieler, verstärkt Filme zu machen, die moralische Werte vermitteln. Für die Literatur gilt dies allemal.
Volkmar Schlutter

Der Mensch als Gestalter der Natur: Gärten und immer wieder Gärten

 

Die Wiederherstellung der Schaugärten in Berlin-Dahlem

 

Die Natur in Form von Gärten zu zähmen, gehört zu einen der schönsten ästhetischen Errungenschaften der Menschheit. Der Land- und Gartenbau gelten als die Anfänge der Zivilisation. Der denkende und vor allem der selbstbewusste Mensch löst sich von der Natur und entzieht sich der einstigen totalen Abhängigkeit von ihr. Es war eine bedeutende Wende von diesem einstigen Ausgeliefertsein hin zur Eigenständigkeit. Durch die aktive Kultivierung war der Mensch nicht mehr von der Laune der Natur, der Eigenwilligkeit des Waldes, der Pflanzen und Tiere, abhängig. Und so ist der Mensch mit der Pflanzenwelt verfahren: Pflanzen wurden im Landbau großflächig kultiviert – in kleinem Maß um Haus und Hof als Gartenbau. Aus dem einst rein funktionalen Gartenbau entwickelten sich später Gärten und Parks zur Erholung von Leib und Seele. Denn besonders der Anblick schöner Blumen freut Sugen und Herz.

Doch die Gartenkunst ist eine in Vergessenheit geratene Kunst. Auch wenn wir die alljährlich mit großem Aufwand beworbenen verschiedensten Landesgartenschauen oder die alle vier Jahre stattfindende Bundesgartenschau erleben können, – so schreckt uns doch der großveranstalterische, ja der nahezu industrielle Charakter ab. Mit einer aufgeblähten Maschinerie versuchen die Veranstalter der Gartenschauen uns nicht als wandelnde Genießer, sondern als Kunden zu gewinnen. Vom Großparkplatz wird man in Busshuttles zum Großgelände gekarrt: Verloren, verlaufen, untergegangen.
Das ist bei den wiederhergestellten Schaugärten der einst Königlichen Gärtnerlehranstalt in Berlin-Dahlem anders: Klein, aber fein. Lieblich und überschaubar – statt wuchtig und großdimensioniert. Die Eröffnung der wiederhergestellten Schaugärten fand an einem schönen Nachmittag im Frühsommer statt. Was kann es besseres geben, als bei wunderbarem Wetter, Sonne und lauem Lüftchen, durch einen schönen künstlerischen Garten in angenehmer Gesellschaft (es waren allesamt Freunde der Gärten) mit einem Gläschen besten Prosecco zu wandeln.
Die Königliche Gärtnerlehranstalt richtete 1903 in Berlin Dahlem Schaugärten zur Ausbildung ihrer Gärtnergesellen ein. An dieser Fachschule wurden die Lehrlinge praktisch-wissenschaftlich und auch gartenkünstlerisch ausgebildet. Am Standort der Königin-Louise-Straße gab es neben modernen Lehr- und Forschungsgebäuden auf 6,5 ha Versuchsflächen für den Gartenbau auch die nur dem sinnlichen Genuss dienenden Schaugärten.

Schaugärten in Berlin Dahlem

Schaugärten in Berlin Dahlem

Wie sinnvoll weitgespannt, gedacht und ausgeführt: In den Nutzgärten wurde sich der Ertragssteigerung im Obst- und Gemüsebau gewidmet; in den Gewächshäusern die Pflanzenvermehrung und Kultivierung exotischer Früchte betrieben. Die gartenkünstlerisch hochwertigen Schaugärten aber, von einem Arboretum umschlossen, waren Anschauungsbeispiele für die Studenten und dienten auch zur Bewertung neuer Zierpflanzensorten. Diese Gärten können wir jetzt in alter Pracht wiederhergestellt genießen.
Denn um ein Haar wäre durch unüberlegte Planungen dieses einzigartige Gartendenkmal zerstört worden. Bereits nach dem Krieg kam so vieles durcheinander. So kam es durch die Neuordnung der Berliner Hochschulen und Universitäten und geänderte Nutzungsrechte für Immobilen des Landes Berlin zu Veränderungen, die die einstige Anlage immer mehr zu entstellen drohte. Um dieser möglichen Verunstaltung wegen, wurde bereits 1995 weitsichtig dieses einzigartige Ensemble unter Denkmalschutz gestellt. Nicht genug damit, denn weitere Planungen von 2006 sahen Veränderungen vor, die diese schöne Gesamtanlage zu zerstören drohten.
„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. “ – Friedrich Hölderlin bewahrheitet sich zum Glück wieder einmal. So gab es durch besonnene Lehrer der Gartendenkmalpflege der Technischen Universität Berlin und der Pückler-Gesellschaft e.V. Berlin (sie erinnern sich der schönen Parkanlagen um Bad Muskau, dem einstigen Wohnsitz von Fürst Pückler) eine glückliche Rettung. Die Schaugärten der ehemaligen Königlichen Gärtnerlehranstalt konnten nach zwei Jahren Bauzeit mit erheblichen Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie und der TU Berlin in ihre alte Pracht und Würde wiederversetzt werden.
Es ist vollbracht. Nicht nur der Botanische Garten, der Britzer Garten, der altehrwürdige Tiergarten, die Gärten der Welt in Marzahn-Hellersdorf sind Großstadtparadiese, so auch jetzt die wiederhergestellten Schaugärten in Berlin Dahlem. Sie alle machen Berlin zu einer der grünsten Großstädte der Welt.
Volkmar Schlutter

Tagung zu Johann Gottlieb Fichte in Berlin

Ein Beitrag von Volkmar Schlutter

Der 200. Todestag von Johann Gottlieb Fichte war nur der Anlass. Der Grund für die 3-tägige Tagung war das immer noch große Interesse an Fichtes Philosophie, und das nicht nur wegen seiner provokanten Weltsicht. Veranstaltet wurde sie vom Lehrstuhl für Klassische Deutsche Philosophie der Humboldt Universität zu Berlin und der Internationalen Fichte-Gesellschaft.
Die Tagung „Mit Fichte philosophieren“ war lehrreich, überraschend interessant und sogar amüsant, so mit den einst unterhaltsamen Ausführungen einer nicht unumstrittenen Bettina von Arnim über Fichte. Ähnlich war es auch bemerkenswert, dass es sogar Studenten gibt, die ausschließlich die deutschen Idealisten studieren.
Die Kernaussage von Fichte, die Freiheit selbst zu denken sei das Hauptwesen des Menschen, wurde wiederholt als Aufforderung interpretiert, dass man sich freimachen soll, frei von vorgegebenen Denken, Vorurteilen und vorgegebenen Auffassungen. In „Ein neuer Sinn zu entwickeln. Fichtes letztes Vermächtnis“ wurde zu einem ständigem ’sich losreißen‘ als eine sich selbstaufzuerlegende Pflicht aufgefordert.
Das hat einen hochaktuellen Bezug. Denn wie gelangt man zur Freiheit, wo wir doch heute in einer neuen Art und Weise immer unfreier werden, weil wir in immer größerem Maße, oft unbewusst, von Medien, Macht, Ordnung und Konsum manipuliert werden. Schlimmer noch: Wir werden in einer Art manipuliert, dass es uns gar nicht bewusst wird, wie wir in das bestehende gesellschaftliche System einverleibt werden. Selbst die Professoren, die Fichte lehren, sehen das überwiegend pessimistisch, weil wir davon entfernt sind, Freiheit leben zu können.
Für Fichte ist Philosophie generell ‚Wissenschaftslehre‘. Diese ist die Wissenschaft vom Wissen und ist eine Theorie der Vermittlung. Und Fichte ist ein Denker der Perspektive. Weise spricht er: Der normale Mensch gleicht einem Blinden, der nicht versteht oder missversteht. Erst die Praxis des Denkens verwandelt den normalen Menschen, denn das Denken ist die Quelle allen Seins. Geistiges Auge – treffender ist es kaum zu sagen.
Auch waren viele Hinweise zur französischen Revolution und ihrer Wertung in Deutschland interessant. Noch heute rechnet man Fichtes mutiges Bekenntnis zur Französischen Revolution ihm hoch an. Denn andere hatten sich da raus gehalten oder waren dazu zu feige. Keineswegs übertrieben interpretiert: Fichtes Gott ist eine revolutionäre Praxis.
Auf der Tagung wurde kein Hehl gemacht, dass Fichte in einigen Dingen recht umstritten ist. Denn so schätzte er einerseits die Französische Revolution, hält dann aber wiederum patriotische Reden an die deutsche Nation und stellt sich sogar in den deutsch-französischen Kriegen klar auf die Seite der deutschen Nationalisten. Zum Verständnis und seiner Rettung muss bemerkt werden, dass zur damaligen Zeit Freiheitsliebe, Emanzipationsstreben und Nationalismus viel enger zusammen gehörten als heute.
In einer Festsitzung wurde Fichtes Wirken heute gebührend gewürdigt. Anschließend gab es im ehrwürdigen Hegelzimmer im alten Hauptgebäude der Universität unter den Linden ein Empfang. Nahe Hegels originalem Schreibtisch wurde mit edlem Wein aus der sogenannten Hegelflasche Fichte gewürdigt. Denn wo hätte es sonst geschehen können? Auch wenn Hegel bekannter und erfolgreicher wurde, hätte es ein Hegel ohne Fichte nie gegeben. Fichtes Philosophie macht es uns ja nicht einfach. Denn einiges ist bei ihm unschlüssig und unausgereift. Während für ihn klar das Sein Aktivität und Agilität bedeutet, macht er jedoch um sein ‚Absolutes‘ ein großes Geheimnis. So kann eine Fichte-Tagung nicht viel anders werden als seine Philosophie. Deswegen waren hier mutige Interpretationen von Nöten. So wurde ein Tenor der Tagung, dass es sich beim ‚Absoluten‘ nur um die Vernunft handeln könne.
Es ist generell positiv zu werten: Man hat wieder drüber gesprochen und weiß die eigenwillige, ja fast radikale Weltsicht Fichtes zu schätzen. Eben das gerade in der heutigen Welt, die immer hinterlistiger, verführerischer und undurchschaubarer wird. Und zumal zunehmend mit Unausgesprochenem operiert. Alles in allem: Gelungene und weise Stunden der Philosophie.

Neben verbrecherischen Kapitalisten und den ihnen gehorchenden  „marktkonformen“ Politikern, die private Verluste der Reichen von Armen bezahlen lassen, erinnert unser Hauptstadtkorrespondent Volkmar Schlutter an die fast vergessene Zunft der klassischen Einbrecher aus der Perspektive des Betroffenen:

Immer nur bei mir
Was ich denn heute Abend vorhätte, fragte mich ein Freund am Telefon. Ja, es war schließlich Freitag, der Tag des Ausgehens. Und es war bereits schon Spätnachmittag, also höchste Zeit sich auf den gewohnten, freitäglichen Vernissagerundgang vorzubereiten. Eine logische Sache, aber dummerweise war ich nicht vor Ort, sondern in diesem kleinen Nest, wo ich einst aufgewachsen bin, fern der Großstadt. Mein geliebtes Berlin mit seinen vielen Galerien und vor allem mit seinen Vernissagen, wo sich das illustre Kunstvolk meist bei Freigetränken versammelt. Alles gut und schön, sagte ich, aber heute muss ich leider passen, denn ich bin 200 km weg vom Ort des Geschehens. Wieder einmal bereute ich es, hier in diesen traurigen Ort der Langeweile und der großen Depression gefahren zu sein.
Aber dem Freund ging es nicht um die Vernissagen, das war nur eines seiner so typischen Scherze. Da rückte er mit der Sprache raus: „Nee, was anderes. Bei Dir ist eingebrochen worden, ohne Scheiß. Bei mir hat gerade die Polizei angerufen. Die sind jetzt gerade in Deiner Wohnung, hier ist die Handynummer von dem Polizisten.“

Selbst modernste Schlösser werden heute geknackt!

Selbst modernste Schlösser werden heute geknackt!

Ich schluckte. Man ist bei so was wie betäubt. Den ganzen Beitrag lesen »

Wenn Theater im Theater gespielt wird, dann klingt das zuerst nach Nabelschau oder gar nach Selbstbeweihräucherung. Aber keineswegs bei Die Sonne von Olivier Py an der Berliner Volksbühne. Das Stück und die Inszenierung ist nicht nur gut, weil es eine wichtige Frage der Gesellschaft, Wozu Theater?, unverblümt thematisiert, so auch weil es von besten Schauspielern in traditioneller Sprechtheatermanier großartig erspielt wird.

Die Geschichte kreist mehr oder weniger um den Theaterautor Josef mit seinem Stück, dessen Hauptdarsteller Axel, mit dem Intendanten, dem Ensemble und mit der gesamten Theaterfamilie mit allen skurrilen Auswüchsen, Schattierungen und Verwirrungen. Und sie handelt von einem neuen Stück von Axel. Josefs Stück wird alsbald vom Intendanten wegen eines handfesten Streits zwischen ihm und Axel um Demokratie, vor allem in der Kunst, abgesetzt. Demokratie, Gesellschaft und Theater – wie steht das zu einander? Und da hinein wird unvermeidlich die alte unlösbare Zwiespältigkeit von dionysischem und apollinischem Charakter gelegt, manifestiert durch Hauptdarsteller und Autor. Alles mächtig gewürzt mit dem Beiwerk der familiären Verflechtungen und dem allbekannten Beziehungschaos. So zum Beispiel Elena, die Mutter des Autors, die zuerst mit dem Hauptdarsteller und später mit dem Hippster Bobby liiert ist. Dabei werden die heutigen Dinge, das moderne Großstadtleben in wunderbar erfrischender Weise karikiert.

Olivier Py, Intendant des Odeon-Theatre de l´Europe in Paris und zukünftiger Direktor des renommierten Theaterfestival d´Avignon, hat das Stück eigens für die Volksbühne Berlin geschrieben. Ein wirklich gutes und nachdenkliches Stück. Dazu hervorragend von ihm inszeniert mit einem ausgefallenen Bühnenbild (Pierre André Weitz), welches mehr oder weniger ständig in Bewegung ist. Aber allen voran sind es klasse Schauspieler: Sebastian König (Axel), Uwe Preuss (Intendant), Ilse Ritter (Elena, die Mutter von Josef), Lucas Prisor (Josef), Claudius von Stolzmann (Bobby) und die anderen natürlich auch. Dazu und zwischen den Szenen gibt es Musik von Mathieu el Fassi, virtuos von Sir Henry am Klavier interpretiert.

Das Stück ist eine Mischung von Erziehungstheater (erinnert stellenweise an das Brechtsche Theater), Komödie, und Klamauk. Ja, manchmal schien der eine oder andere Moment etwas platt, aber es wurde nie langweilig. Es blieb in den 3 ½ Stunden spannend bis zum Schluss. Und das will heute schon etwas heißen, wo wir doch fast meinen, nur noch bei Geschrei und Effekten aufmerksam zu sein. Nach der Pause gab es kurze Längen, die aber mehr oder weniger schnell vergingen. Nun, etwas weniger Nacktheit würde dem Stück kein Abbruch tun, das aber am Rande.

Als Bobby endgültig die Mutter verlässt, da hätte auch Schluss sein können. Hätte, aber der abschließende Bogen mit einem Monolog des Hauptdarstellers Axel und seinem originellen Abgang in den Zuschauerraum, brachte ein großes, nahezu kathartisches Ende. Bei aller Konkurrenz zum Kino mit momentan vorzüglichen Filmen, zeigt hier Die Sonne mit seinem anspruchsvollen Thema und der greifbaren und lebendigen Spielweise, dass Theater heute in der Gesellschaft mindestens so berechtigt und notwendig wie das Kino oder die anderen Künste ist. Wozu Theater – also eindeutig geklärt.

Volkmar Schlutter

http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/die_sonne/